Zertifizierungen machen das Leben leichter: Behörden kontrollieren eine Firma weniger, Politiker lassen sich gerne bei zertifizierten Unternehmen blicken oder fördern sie bei Auslandsaktivitäten. Auch und gerade, wenn es sich dabei um eine Firma handelt, die umweltgefährdend ist - wie die Entsorger zum Beispiel.

ISO oder Fachbetrieb - Zertifizierungen bei Entsorgung und Recycling

Die Abfallwirtschaft ist mit einem ähnlichen Geruch behaftet wie ihre Ware, der Müll: mit üblem Gestank. Zertifikate wie die ISO 14001 (Umweltmanagementsystem), ISO 9001 (Qualitätsmanagementnorm) oder wie das deutsche Zertifikat "Entsorgungsfachbetrieb" (nach der Entsorgungsfachbetriebs-Verordnung) sollen Sicherheits- und Qualitätsstandards in der Wirtschaft sichern, haben inzwischen aber eine Bedeutung weit über Marketing oder Verbraucherschutz hinaus erlangt. Dadurch, dass sie wesentliche Fragen des Umweltschutzes innerhalb der Unternehmen nicht nur klären, sondern überwachen, haben Zertifizierungen de facto staatliche Aufgaben übernommen, die von überragendem Einfluss auf Umwelt und Allgemeinheit sind. Die Frage stellt sich also:

Wer zertifiziert?

Trotz der durchaus überragenden Wichtigkeit einer solchen Zertifizierung macht dies nicht der Staat selbst, sondern ganz normale Unternehmen der Privatwirtschaft. Allgemein werden sie Zertifizierungsstellen (englisch Certificate Authority, kurz CA) genannt. Sie führen Begutachtungen in bestimmten Bereichen (zum Beispiel hinsichtlich Management-Systemen, Produkt-Zertifizierungen und -Prüfungen) durch und vergeben Siegel oder Prüfplaketten. Am bekanntesten sind in der Öffentlichkeit TÜV oder Dekra.

Was sind TÜOs?

Die Zertifizierung zum Entsorgungsfachbetrieb wird durch so genannte TÜOs (Technische Überwachungsorganisationen, TÜOen ) oder Entsorgergemeinschaften durchgeführt. Letztere sind Wirtschaftsvereinigungen, die aus den Entsorgungsbetrieben selbst (sie sind in ihnen Mitglieder) gebildet werden. Meist zertifizieren aber TÜOen: Das sind privatwirtschaftliche, freie Unternehmen, in denen für die Zertifizierung Sachverständige (angestellt oder selbstständig, kurz: SV) arbeiten, meistens mit Erfahrung aus großen Industrieunternehmen, zum Beispiel TÜV (siehe Foto unten) oder DQS.

Unterschied zwischen TÜO und Zertifizierungsstelle

Im Fachjargon wird zwischen TÜO und Zertifzierungsstelle (synonym: Zertifizierungsgesellschaft) unterschieden: TÜOen arbeiten im rechtlich geregelten Bereich und müssen durch Behörden anerkannt werden - zum Beispiel für die Zertifizierung als Entsorgungsfachbetrieb. Zertifizierungsstellen können zum Beispiel Zertifizierungen für Managementsysteme (zum Beispiel QMS, UMS, SCC, EN9100, TL9000, ISO 22000, ISO 27001, ISO 15378) und für Personen (zum Beispiel QM-, UM-Auditoren, Sachverständige, Schweißerfachpersonal, ZfP-Personal) durchführen. Sie werden durch andere Zertifizierungsstellen zertifiziert und akkreditieren sich neuerdings bei der Dakks, die unter dem Bundeswirtschaftsministerium aufgehängt wurde. Die Qualität der Zertifizierung soll unter anderem durch die internationale Norm ISO/IEC 17024:2003 sichergestellt werden.

Zuverlässigkeit, Unabhängigkeit und Fachkunde

Entsorgergemeinschaften, TÜOs, Gutachter oder Sachverständige müssen bei den jeweiligen Anerkennungsämtern Zuverlässigkeit, Unabhängigkeit und Fachkunde sowie einen guten Leumund nachweisen. Dem Thema Fortbildung und Qualifizierung wird große Bedeutung beigemessen. Im Regelfall sind sie Umweltgutachter (ein Begriff aus dem Umweltauditgesetz), können aber auch auf "vergleichbare Weise" ihre Eignung belegen.

Alle obigen Anforderungen sollen die Güte der Zertifizierung gewährleisten. Ein zertifizierter Entsorgungsfachbetrieb kommt ja in den Genuss erheblicher Erleichterungen, was Genehmigungsverfahren, Auflagen, behördliche Kontrollen angeht. Guckt der Sachverständige des Zertifizierungsunternehmens also nicht so genau hin, kann dies enorme Auswirkungen haben: Wird die Produktion schlampig betrieben, können bei Entsorgungsbetrieben Gifte in die Umwelt entweichen oder Mitarbeiter verseucht werden - wie 2010 nach Jahren, wenn nicht Jahrzehnten unsachgemäßen Recyclings von Trafos bei der Dortmunder Firma Envio geschehen.

Zertifizierung: Sachkenntnis Voraussetzung

Voraussetzung für die behördliche Anerkennung eines Sachverständigen in der Zertifizierung ist vor allem Sachkenntnis und Unabhängigkeit des Gutachters. Wer sich gut im Geschäft, in der Branche, in der Technik auskennt, kommt aber im Regelfall nicht von außen - wer Recyclinganlagen oder Ökobetriebe begutachtet, hat dies daher meist in der Branche selbst gelernt.

Unabhängigkeit der TÜOs

Interessant ist daher vor allem der Punkt Unabhängigkeit. Unabhängige Unternehmen und Sachverständige sollen die Zertifizierungsgüte gewährleisten. So müssen die Zertifizierungsfirmen finanziell solide sein, damit sie nicht unter Druck gesetzt werden können. Außerdem dürfen sie nicht beratend tätig sein, da sich daraus ein Interessenskonflikt ergibt: Berater sind in Firmen tätig im Vorfeld der Zertifizierung - sie haben das Know-how, um die dafür notwendigen Systeme im Unternehmen zu installieren - aber auch im Fall, dass Mängel bei der Zertifizierung festgestellt werden. Berater sind außerdem explizit für und im Sinne des Unternehmens tätig, sie sind also parteilich und vertreten die Interessen ihres Auftraggebers, während Zertifizierer - zumindest der Theorie nach - neutrale Instanzen darstellen. Ein beratendes Unternehmen kann daher naturgemäß nicht auch als zertifizierendes tätig sein. Selbstverständlich dürfen die Sachverständigen auch nicht Teilhaber des zu zertifizierenden Unternehmens sein.

Aufsichtsbehörde für Entsorger-Zertifizierer

Sehr wichtig ist noch, dass die Behörden, die ein Zertifizierungsunternehmen anerkennen, auch für deren Arbeit zuständig sind. Soll ein Dortmunder Entsorger wie die Envio Recycling GmbH daher von einem Frankfurter Unternehmen wie der DQS GmbH zertifiziert werden, so muss dies beim Darmstädter Regierungspräsidium (Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt) beantragt werden, weil Darmstadt für Frankfurter Zertifizierungsfirmen zuständig ist. Zwar halten sie dann Rücksprache mit den Dortmunder Ämtern (die ja die betreffende Firma viel besser kennen sollten) - es entscheiden aber die Darmstädter, ob der Vertrag genehmigt wird, ob Nachbesserungen nötig sind und so weiter.

Quellen und weiterführende Links

Einstieg - Zertifizierung in der Entsorgungsbranche - Wie wird zertifiziert? - Schwachstellen der Zertifizierung - Das unsaubere Geschäft mit den Zertifikaten: Ein Insider packt aus - Die zertifizierenden Berater - Ein Interview zu Unabhängigkeit und Zertifizierungsproblemen.

Wie erkenne ich, ob eine Firma sauber arbeitet? Wie überprüft man Zertifkate und Gütesiegel? Eine einfache Internetrecherche reicht nicht immer. Beispiel: das EfbV-Zertifkat von Envio durch die DQS. Die Recherche zu Zertifizierungen ergibt einen Krimi um Chemie, Gift, Müll (12.6.2011).

Die wichtigsten Dokumente, Gesetze und Verordnungen zum Thema Zertifizierung als Entsorgungsfachbetrieb sind:

  • Übersicht zu einem Giftskandal und seinen Hintergründen.
Kritisch beleuchtet das Prognos-Gutachten (Seite 29, 39, 40, 55) das Zusammenspiel von Zertifizierungen und zunehmender Abgabe hoheitlicher Aufgaben an die Privatwirtschaft. Ähnlich die BKA-Studie von 2007.

(In Kooperation mit Vera Kriebel)