
- Zigeunermedizin, Gerti Senger 1987 - ISBN 3-7205-1439-0
Zigeuner - mit diesem Begriff verbinden sich viele Klischeevorstellungen. Sofort denken viele an Zigeunermusik, Wahrsagerinnen mit Kartenmystik oder auch über Land fahrende Pferdewagen. Doch entspricht das wirklich der Realität dieses individuellen Volkes mit eigener Sprache, Geschichte und Kultur?
Die Autorin Gerti Senger, mittlerweile eine bekannte Psychotherapeutin und Professorin aus Österreich, hat sich bereits 1987 einem besonderen Aspekt der Zigeunerkultur gewidmet. Sie trug in ihrem hier besprochenen Buch viel Information über das überwiegend mündlich überlieferte Heilwissen dieses faszinierenden Volkes zusammen. Sachkundig und einfühlsam formuliert die Autorin eine verständliche Annäherung an die Geheimnisse der zigeunerischen Heilkunde.
Einleitung zur Zigeunermedizin
In ihren einführenden Worten beschreibt Gerti Senger, wie sehr sich um die Zigeunermedizin Mythen und Legenden ranken. Und das Zigeunervölker tatsächlich über eine alte und beeindruckende Heilkunde verfügen. Entstanden aus ihrer Herkunft und ihrem Schicksal. So bietet die Autorin, welche selbst keine Zigeunerin ist, zunächst geschichtliche Einblicke, um den Zusammenhang zum naturmedizinischen Wissen zu veranschaulichen. Gerti Senger betont ihre eigene Neugier sei der entscheidende Antrieb zur Entstehung dieses Buches gewesen. Dabei erhebt sie jedoch weder Anspruch auf Vollständigkeit oder strenge Wissenschaftlichkeit.
Die Autorin fasst die Ergebnisse grundlegender Studien von Forschern und Ärzten zusammen, welche sich jahrelang Zigeunern anschlossen und der Erforschung von Zigeunerheilkunden widmeten. Dieses Buch ist offensichtlich das Ergebnis umfangreicher Recherchearbeit und methodischer Literatursichtung zur Thematik. Durch die pharmazeutischen Erläuterungen der Medizinerin Dr. Raida wird die Rezeptsammlung informativ ergänzt. So erschließen sich den Lesern die komplexeren Zusammenhänge zwischen scheinbar Magischem, pharmakologischer Wirkungsweise und alter Volksmedizin.
Gliederung der Zigeunermedizin
Im ersten Viertel des Buches widmet sich die Autorin kulturgeschichtlichen Aspekten. Es sind in sieben Teilen Herkunft, Weltbild, Geschichtliches, Magisches und Mythologisches der Zigeunertradition beschrieben. So begründet sie in diesem ersten Buchteil, warum sie den Zigeunerbegriff beibehält, obwohl sich das Volk selbst eher als Ròm (Mensch) bezeichnet und die Bezeichnung einen negativen Beigeschmack der häufigen Herabsetzung besitzt. Die Autorin benutzt den Begriff „Zigeuner“ wertfrei und nutzt ihn im Bestreben, das eigentliche Thema durch komplizierte Begriffserklärungen nicht unnötig zu überfrachten.
Der zweite Teil des Buches ist der umfangreichen Rezeptsammlung gewidmet. Unterteilt in Rezepte mit heilkräftigen Kräutern oder mit Körperteilen und Säften. Weiterhin finden die Leser hier Rezepte mit Mineralien, Steinen und Erden. Gleichfalls sogenannte Zauberrezepte. Die Rezepte sind jeweils mit Anmerkungen versehen, welche die Wirksamkeit und praktische Anwendbarkeit dokumentieren. Unterhaltsam wird das naturmedizinische Wissen in Zusammenhang mit Zigeunermärchen, Legenden und Geschichten beschrieben. Die Autorin behandelt in ihren Schilderungen magische und abergläubisch anmutende Rituale gleichwertig sachlich im Verhältnis zu naturmedizinisch bekannten und wirksamen Verfahren.
Nützliche Zigeunerweisheiten aus der Natur
Zigeuner lebten in enger Verbindung zur Natur und konnten einen reichen Erfahrungsschatz sammeln. Neben einigen nur aus der magischen Mythologie verständlichen Ritualen sind nach Ansicht der Autorin die meisten Zigeunerrezepte durchaus ernst zu nehmen. Viele beschriebenen Heilmittel enthalten pharmazeutisch in ihrer Wirksamkeit bekannte und auch von der Schulmedizin verwendete Stoffe. So beschreibt Gerti Senger den Zigeunerbrauch, bei verschiedenen Beschwerden glühende Kohlestückchen in Wasser zu werfen und es anschließend zu trinken. Die bei dem Vorgang entstehenden chemischen Verbindungen sind wissenschaftlich bewiesen heilsam.
Selbst die zigeunerische Handwahrsagekunst bietet wichtige Beobachtungsaspekte, die medizinisch relevante Befindlichkeiten und Störungen aufdecken können. Viele Rezepte sind praktisch anwendbar. So hilft Essig gegen Halsweh, wenn er mit Kamille, Minze und Lindenblüte aufgegossen in Wasser gegurgelt wird. Frisch aufgeschnittene Gurkenscheiben auf Stirn und Schläfen gelegt mildern Kopfschmerz. Und getrocknete Heidelbeeren können gekaut und geschluckt schweren Durchfall beenden. Der Saft von Löwenzahn kann damit eingeriebene Pickel beseitigen. Und ein Getränk aus Mais stärkt die Herzfunktion.
Zur Lesbarkeit des Buches
Auch wenn es vielen Menschen kaum vorstellbar ist, unter gewissen Umständen sieben Ameisen zu essen oder sich Pferdemist über ein krankes Gelenk zu binden. Der Leser erhält durch die Beschreibung der vielen Rituale, naturmedizinischen Rezepte und Bräuche einen spannenden Einblick in die Zigeunerkultur. Die weisen Zigeunerfrauen beobachteten die Natur und lernten von der volkstümlichen Heilkunde jener Länder, durch die sie zogen. Alle Elemente, die den Zigeunern viel bedeuten, sind in den Heilungsprozess einbezogen - Licht, Luft, Wasser, Pflanzen, Tiere, Erde, Berührung, Glaube und Mythos.
Es ist kein Buch, das in einem Stück durchgelesen werden sollte. Eher eine Art Nachschlagewerk. Hier finden sich viele Rezepte, die zum Ausprobieren anregen. Und Legenden, die Zigeunerleben und Entwicklung anschaulich und lebendig verständlich werden lassen. Für den interessierten Leser ein lohnenswertes Buch. Über das man nicht genau sagen kann, was es ist. Kein richtiges Sachbuch, Märchenbuch oder wissenschaftlicher Kulturratgeber zum Thema Zigeuner. Eher ein buntes Potpourri der Autorin zum Thema. Empfehlenswert für den dafür toleranten Leser trotz älteren Erscheinungsdatums.
Literaturquelle: Zigeunermedizin, Komm, ich mach dich gesund!, Gerti Senger, Ariston Verlag Genf 1987, gebundene Ausgabe, 235 Seiten, ISBN 3-7205-1439-0
