„Kommen die Reichen zu billig davon?“ war die Frage des Thementags von WDR 5 am 27. Jänner 2011. Da drängt sich ein Beitrag über Eliteinternate nicht unbedingt auf. Es sei denn, man hielte sie für zu billig. Doch in seinen Programm-Tipps insistiert der Sender ausdrücklich auf der Behauptung, für eine standesgemäße Erziehung ihres Nachwuchses sei den Reichen nichts zu teuer.
Die Reichen und ihre Kinder
Wörtlich heißt es unter dem Aufmacher „Die Reichen und ihre Kinder“:
„Keine Schule ist ihnen zu exklusiv, wenn es darum geht, den Sprößlingen eine nicht nur solide, sondern exzellente Ausbildung zu ermöglichen. Elite-Internate erleben zur Zeit einen nie gekannten Boom. Unsere Reporterin Karin Bensch besucht eines der renommiertesten Privat-Internate in NRW und spricht mit Schülern, Lehrern und Eltern.“
Folgt man der Programmatik des Senders auf der eigenen Homepage (Zitat: „WDR 5 geht den Dingen auf den Grund, nimmt sich Zeit, Themen umfassend und lebendig darzustellen und setzt dabei vor allem auf das Wort. Hier steht der Hintergrund im Vordergrund.“), so wären unter dem Titel "Leben im Internat" jetzt wohl Hintergrundinformationen zu erwarten, die dem Hörer erläutern, welche ungerechtfertigten Vorteile die Kinder der Reichen mit dem Besuch teurer Eliteinternate einheimsen. Doch es folgt ein undistanzierter Blick durchs Schlüsselloch - in die schöne Welt des Privatgymnasiums Schloss Buldern im Münsterländischen.
Statt des Hintergrunds im Vordergrund bietet WDR 5 dabei eher diffuse Hintergrundgeräusche, die lebendige Internatsatmosphäre vermitteln sollen. Da knarrt die schwere Eichentür und es summt und brummt im Esssaal. „Es gibt Schnitzel mit Kartoffelpüree und grünen Bohnen“, raunt die Reporterin investigativ. Und: „Die Internatsschüler sitzen an langen Tischen, essen und reden.“ Wer hätte das gedacht?
Hintergrund im Vordergrund?
Das Wort, auf das angeblich gesetzt wird, um Hintergründiges in den Focus zu rücken, kommt direkt aus dem Mund des Schulleiters Wolfgang Kessler und dreier seiner braven Internats-Insassen.
Der Pädagoge lässt sich allerdings mit Blick auf Turnschuhe, Jeans und Sweatshirts seiner Eleven erst mal darüber aus, was nicht im Vordergrund steht: nämlich Äußerlichkeiten.
Anschließend werden – ohne jede Gegenrecherche oder Konfrontation mit anderslautenden Ergebnissen einschlägiger Untersuchungen – die üblichen Werbeargumente der privaten Wohnschulbranche aufgezähl:
- Kleine Klassen ermöglichten eine individuellere Betreuung.
- Die tägliche überwachte Hausaufgabenzeit zwinge zum Lernen und vermittele Disziplin für den gesamten späteren Lebensweg.
- Und beides führe nun mal unausweichlich zu besseren Zeugnisnoten, was immer auch über die humane Korruption nachsichtiger Zensurengebung in deutschen Privatschulen gemutmaßt werde.
Und obendrauf gibt’s noch, wie die Reporterin beeindruckt feststellt, „ein ausgefallenes Programm“ für die Freizeit, das allerdings, wie die anschließende Auflistung verdeutlicht, so ausgefallen gar nicht ist. „Tennis, Reiten, Boxen oder Joga“, Disco-Besuch und Hallen-Skating gibt es eigentlich fast überall und unabhängig davon, ob die Eltern für den Schulbesuch 2.000 Euro monatlich hinblättern können oder es nur für den Besuch der öffentlichen Tagesschule reicht.
Wenn die Reporterin den Bulderner Schulleiter dann noch mit der Bemerkung zitiert, dass „inzwischen ein Teil der Elternschaft sich verschulde[t], um eben die Internatsgebühren für ihre Kinder aufzubringen“, so klingt das nicht gerade nach einer Bestätigung für die vollmundige These, den Super-Reichen sei kein Internat teuer genug. Hier scheint eher die abstiegsbedrohte Mittelschicht ihre letzten Reserven zu mobilisieren. Und die Auskünfte der jugendlichen Interviewpartner zu den Gründen ihres Wechsels ins Internat wecken Zweifel, dass die erwartete Gegenleistung tatsächlich in einer exzellenten Ausbildung besteht. „Weil ich mit meinen Lehrern nicht mehr klar kam und in der Schule auch nicht mehr so gut war“, outet sich da eine Leonie aus Frankfurt. Und ein Daniel aus Bayern ist lediglich froh, sich binnen anderthalb Jahren im Leistungskurs Chemie von vier auf acht Punkte verbessert zu haben – dank einer Kursgröße von gerade mal zwei Schülern.
"Den Dingen" nicht "auf den Grund" gegangen
So will der Funke der Begeisterung für "eines der renommiertesten Privat-Internate Nordrhein-Westfalens" nicht recht überspringen. Stattdessen fragt man sich, wie das beschriebene Institut eigentlich zu seinem angeblich so vorzüglichen Renommee gekommen sein mag und wer derartige Prädikate wohl zertifiziert?
Die Autorin hätte vielleicht der Selbstverpflichtung des WDR folgen und "den Dingen" doch etwas sorgfältiger "auf den Grund" gehen sollen. Vielleicht wäre sie dabei über die Klagen eines ehemaligen Schülers wegen der Löschung kritischer Berichte im Internet gestolpert, die das Institut Schloss Buldern veranlasst hatte - vermutlich um dem guten Leumund etwas aufzuhelfen.
Vielleicht hätte die Redaktion auch - anstatt im Anreißer zur Sendung noch schnell eine kostenlose Schleichwerbung für das "Elite-Internat" Schloss Salem zu verstecken - die offenkundige Falschmeldung vom "nie gekannten Boom" der Elite-Internate einmal kritisch nachrecherchieren sollen. Da wäre ihr vielleicht ein Bericht der Schwäbischen Zeitung vom 25. Juni 2010 aufgefallen, die die Nachfrage-Entwicklung aus Sicht der berühmten Schule am Bodensee doch ein klein wenig anders darstellt:
„Nach den Querelen um die designierte Schulleiterin Monika Zeyer-Müller und den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen (die SZ berichtete) soll nun wieder Ruhe in Salem einkehren. […] Akzente setzen will die Schule nun beim Anwerben von Schülern. Weil auch in Salem wie auch an anderen Schulen bundesweit die Schülerzahlen zurückgehen, will man gezielt auf das europäische Ausland setzen.“
Am Ende bleibt die Frage leider unbeantwortet, ob und warum die Reichen zu billig davon kommen und was das mit dem hier präsentierten Reparaturbetrieb für Problemschüler zu tun hat, deren abstiegsbedrohte Mittelschichteltern die Internatsgebühren zum Teil nur noch mühsam zusammenkratzen. Da hätte es eben eines gesellschaftskritischen Standpunkts bedurft, hätte der Aspekt einer drohenden Refeudalisierung der Bundesrepublik nicht ausgespart werden dürfen, wäre vielleicht auch einmal die ketzerische Frage zu stellen gewesen, ob Landespolitiker und Schulverwaltung das grundgesetzliche Verbot einer Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern überhaupt noch ernst nehmen. Und auf keinen Fall hätte - ohne jede kritische Distanz - das übliche Bashing der "Staatsschule" nachgebetet werden dürfen, mit dem die privaten Bildungsanbieter sich seit Jahren einen unlauteren Wettbewerbsvorteil gegenüber der öffentlichen Konkurrenz zu verschaffen suchen.
Wenn die Autorin ihren Beitrag mit einem Statement des vergnügt glucksenden Privat-Pädagogen aus der Schloss-Schule enden lässt, der natürlich nichts dagegen hat, das fehlende öffentliche Bildungsinvestitionen ihm die Kundschaft zutreiben, befällt den Hörer möglicherweise eine Vorahnung, warum sich billiger PR-Journalismus und Schleichwerbung selbst in den öffentlich-rechtlichen Medien unaufhaltsam ausbreiten. Konkrete Erklärungen findet man unter anderem auf den medienkritischen "Nachdenk-Seiten" unter der Überschrift „Extreme Beispiele von Meinungsmache werden üblich“ oder in der Internet-Dokumentation „Internate in den Medien“ der ZFI.
