Zu versteigern: Flugzeugträger HMS Invincible

Für die Tower Bridge war HMS Invincible zu breit - Astrid Friedrich / pixelio.de
Für die Tower Bridge war HMS Invincible zu breit - Astrid Friedrich / pixelio.de
Das Flaggschiff der britischen Marine, Veteran des Falklandkrieges 1982, hat ausgedient. Sein Schrottwert soll per Höchstgebot festgestellt werden.

Auf der Aktionsseite „Edisposals“ des britischen Verteidigungsministeriums, welches über diese Domain regelmäßig ausrangiertes Militär-Material zum Höchstgebot versteigert, wird seit 2. Dezember 2010 ein veritabler Flugzeugträger ausgeschrieben: Die HMS Invincible, das dreißig Jahre alte Aushängeschild der British Royal Navy, wartet auf einen Käufer.

Die Resonanz auf diese Agentur-Meldung, selbst in seriösen Medien, bediente meist reflexartig das alte Klischee „typisch verrückte Engländer“. In Wahrheit ist diese Auktion selbst in Marinekreisen eine durchaus normale Sache. Zielgruppe dieser Versteigerung sind nämlich weder die Flottenchefs von obskuren Dritte-Welt-Ländern noch irgendwelche exzentrischen Millionäre (erinnert sei an Jesus Gil y Gil, den spanischen Baulöwen und früheren Präsidenten des Fußballvereins Atletico Madrid, der sich einen Flugzeugträger kaufte, „weil ich noch keinen hatte!“) - angesprochen wird vielmehr die weltweite Schrott-Industrie.

HMS Invincible: Flugzeugträger der Royal Navy

Die HMS Invincible (HMS = Her Majesty´s Ship, Schiff der Königin - britische Kriegsschiffe sind de jure Eigentum des regierenden Monarchen) lief 1977 bei Vickers, Barrow, vom Stapel. Sie war ein Kind ihrer Zeit, des „Kalten Krieges“ - ein Baustein in der Seekriegsstrategie der NATO. Als erster Flugzeugträger überhaupt war sie als Plattform für Senkrechtstarter konzipiert, die damals militärtechnisch der „letzte Schrei“ waren. Daher ihre vergleichsweise kleinen Abmessungen und die Schanze auf dem Vorschiff, ihr Markenzeichen. Acht Bomber, acht Abfangjäger und vier Hubschrauber waren die ständige Luftflotte der Invincible. 650 Seeleute und 350 Mann Flugpersonal bildeten ihre Besatzung.

Die Senkrechtstarter vom Typ „Hawker Harrier“ mussten schon nach wenigen Jahren in den Krieg – allerdings nicht etwa gegen die bösen Bolschewiken aus der Sowjetunion, sondern gegen die Militärjunta in Argentinien, die im Jahre 1982 die vor ihrer Küste gelegenen Falkland-Inseln okkupiert hatte. Der Waffengang endete mit einem britischen Sieg, nachdem die Senkrechtstarter den Himmel über der Inselgruppe in harten Luftkämpfen erobert hatten.

Ab 1991 patrouillierte HMS Invincible als Teil der NATO-Streitkräfte im Persischen Golf, um den Irak unter Kontrolle zu halten. 1999 war sie während des Kosovo-Krieges im adriatischen Meer im Einsatz. Anno 2004 hatte sie die Ehre, während eines NATO-Manövers im Mittelmeer Flaggschiff zu sein.

2004 lehnte Indien einen Kauf des Trägers ab. Ein Jahr später lief Invincible zum letzten Mal in den Heimathafen Portsmouth ein und wurde in die Flottenreserve versetzt – eine Gnadenfrist von fünf Jahren für jedes Kriegsschiff ihrer Majestät, ehe es abgewrackt wird. Der diesbezügliche Beschluss sorgte im noch immer sehr marinebewussten Großbritannien für heiße Diskussionen. Wenigstens als Denkmal hätten sie viele gern behalten, zumal von den legendären Schlachtschiffen der Royal Navy kein einziges erhalten geblieben ist

Taufpate war alles andere als „unbesiegbar“

Eines dieser Schlachtschiffe war der Namenspatron des Flugzeugträgers. Der Schlachtkreuzer HMS Invincible, Baujahr 1907, war der erste „Battle Cruiser“ überhaupt, ein Kriegsschiff schneller als jedes Schlachtschiff und kampfstärker als jeder Kreuzer. Eine Weltsensation – und ein Schock für alle Gegner Großbritanniens.

Doch der Schock hielt nicht lange an. Wie jeder Prototyp hatte Invincible von Natur aus gewisse Schwächen: Ihre Panzerung war unzureichend. Flottenstäbe in aller Welt studierten die britischen Baupläne und schafften es, bessere Schlachtkreuzer zu bauen. Am 31.Mai 1916, in der Skagerrak-Schlacht, wurde die Invincible von deutschen Schlachtschiffen versenkt. Von über tausend Mann Besatzung überlebten nur sechs. - Dieses Schicksal ist dem Flugzeugträger Invincible erspart geblieben.

Kriegsschiffe: Selbst als Schrott ein Vermögen wert

So imposant sich dies 210 m und 36 m breite lange Ungetüm auch aufbauen mag: Letztlich ist auch die HMS Invincible nur ein riesiges Gebilde aus Stahl und noch mehr Stahl. Ein Werkstoff also, der heute immer knapper, immer gefragter und deshalb auch immer teurer wird. Deshalb die Versteigerung: Die Abwrackfirma, die sich diesen Koloss wortwörtlich „an Land zieht“, kann mit dem hierdurch gewonnenen Schrott ein Vermögen verdienen und soll deshalb, nach Ansicht der Briten, auch ruhig ein paar Pence mehr auf den Tisch legen als die Konkurrenz.

Vermutlich wird die Royal Navy für zehntausend Tonnen Schrott am Ende sogar mehr Geld sehen, als wenn sie die Invincible als Kriegsschiff versteigert hätte. Die Handvoll Staaten und Flotten, die überhaupt Verwendung haben für einen Flugzeugträger, hätten für ein technisch und militärisch längst veraltetes Modell mit ausgelutschten Maschinen und zermürbtem Rumpf wohl kaum Geld ausgegeben. - Für Abwrackfirmen ist der Zustand eines Schiffes jedoch nur soweit von Interesse, ob es seine letzte Fahrt (meist am Schlepperhaken) zum Bestimmungsort durchhält.

Selbstverständlich ist das allerdings auch nicht: Im Jahre 1951 sollte das Schlachtschiff Sao Paulo der brasilianischen Marine aus Recife nach England verbracht werden. Das Schiff, Baujahr 1910, war ein aktiver Veteran des Ersten Weltkrieges, mithin über vierzig Jahre alt und in einem desolaten Zustand. Auf seiner letzten Fahrt liefen Schlepper und Schlachtschiff in einen schweren Sturm. Die „Sao Paulo“, leck wie sie war, lief voll und kenterte – nicht ohne acht Mann Notbesatzung mit auf den Meeresgrund zu reißen.

Literatur: Siegfried Breyer: „Großkampfschiffe 1905-1970“, München 1970

Internet: ntv.de zur geplanten Versteigerung (4. Dezember 2010)

Bildnachweis: © Astrid Friedrich / Pixelio.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

rss