Zu viele Medikamente im Alter?

Wie Arzneimittel bei Menschen über 65 wirken

Vorsicht bei Medikamenten-Mix - Foto: Margot Kessler, pixelio
Vorsicht bei Medikamenten-Mix - Foto: Margot Kessler, pixelio
Krankheiten und Beschwerden, die medikamentös behandelt werden, treten im Alter gehäuft auf: Nicht selten nehmen Senioren deshalb regelmäßig fünf bis sechs Präparate ein

Jeder von uns hat schon in seinem Leben Medikamente eingenommen: Im Fall einer akuten Krankheit für einen begrenzten Zeitraum, bei chronischen Krankheitsverläufen über längere Zeit oder möglicherweise schon ein ganzes Leben lang. Aber niemand sollte im Umgang mit Arzneimitteln vergessen: Werden deren Wirkstoffe falsch angewendet oder falsch dosiert, sind Medikamente nichts anderes als Giftstoffe für den Körper. Neben der erwünschten Wirkung entfaltet jedes Medikament auch stets unerwünschte, so genannte Nebenwirkungen.

Im Alter wirken Medikamente anders

Es gilt also stets abzuwägen und regelmäßig neu zu bewerten, ob Einsatz, Dosierung und Einnahmedauer eines Medikaments notwendig sind. Das gilt besonders für ältere Menschen. Denn ihre Körperfunktionen verändern sich mit zunehmendem Alter: Sämtliche Stoffwechselvorgänge verlangsamen, die Fähigkeit des Verdauungssystems schwindet, Nährstoffe aus der Nahrung ausreichend „aufzuschließen“ und Verdautes aus dem Körper zu transportieren. Die Nieren können Giftstoffe nicht mehr so gut filtern wie noch in jungen Jahren. Der Wasseranteil im Körper verringert sich.

Und so kann die Wirkstoffkonzentration eines Medikaments im Körper ungewollt und unkontrolliert hoch sein. Auch Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneimittelstoffen können sich stärker ausbilden. Die Niere wird möglicherweise auf Dauer mit dieser hohen Belastung überfordert sein.

Zudem treten Krankheiten und Beschwerden, die medikamentös behandelt werden, im Alter meist nicht allein auf – Mediziner sprechen auch von alterstypischer Multimorbidität.

Weniger Medikamente und geringere Dosierung

Mediziner und Experten aus der Geriatrie (Lehre von den Krankheiten alter Menschen) fordern deshalb, bei älteren Menschen die Vielzahl der eingenommenen Präparate und auch ihre Dosierung zu reduzieren. Und zwar aus guten Gründen:

  • Klinische Prüfungen, auf denen Dosierungsempfehlungen basieren, werden in der Regel an Männern mittleren Alters durchgeführt – nicht an alten Menschen und nicht an Frauen, obwohl diese beide Personengruppen vollkommen anders „verstoffwechseln“ als die Testpersonen.
  • Die Gefahr, in eine Medikamenten-Abhängigkeit zu geraten, steigt mit dem Alter: Häufig handelt es sich dabei um Schmerzmittel, Schlafmittel, Beruhigungsmittel, Anregungsmittel, Appetitzügler, Antidepressiva und Neuroleptika.
  • Die Folgen von Nebenwirkungen und vor allem auch auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten können Symptomen des Alterungsprozesses sehr ähneln (Desorientiertheit, Unkonzentriertheit, Schwindelgefühle, Gleichgewichtsstörungen usw.) und erschweren eine korrekte Zuordnung und Diagnose.

Verantwortungsvoller Umgang mit Arzneimitteln

Langer und routinierter Umgang mit immer den gleichen Medikamenten kann außerdem dazu verführen, Einnahmeverordnungen des Arztes in Eigenregie zu verändern, medikamentöse Therapien auf eigene Faust zu beenden oder zu unterbrechen oder Medikamente in ihrer Grundform zu verändern (Öffnen von Kapseln, Mörsern von Dragees), um sie vermeintlich bekömmlicher zu machen oder ihre Einnahme zu vereinfachen.

Die Gründe dafür mögen auf den ersten Blick plausibel erscheinen: Nebenwirkungen waren in Stärke oder Erscheinungsform nicht länger akzeptabel, Schluckbeschwerden verhinderten die Einnahme großer Kapseln, die Wirkung eines Medikaments hat spürbar nachgelassen usw. Aber Vorsicht: Solche Manipulationen können lebensbedrohliche Komplikationen auslösen. Denn:

  • viele Arzneimittel müssen „ausschleichen“, d.h. schrittweise abgesetzt werden, um nicht Entzugserscheinungen (bei Kortikoiden) oder Kreislaufstörungen (wie bei blutdrucksenkenden Mitteln) auszulösen.
  • Medikamente, die in ihrer Darreichungsform verändert werden, verlieren eventuell ihre Wirkung, was wiederum dem Absetzen des Medikaments gleichkäme.
  • Ist ein Wirkstoff verkapselt, so wirkt er in der Regel retardierend, d.h. er wird nach und nach über einen längeren Zeitraum im Körper freigesetzt. Öffnet man nun die Kapsel und mischt den Wirkstoff beispielsweise in ein Getränk, dann bekommt der Körper die komplette Dosis auf einmal – möglicherweise eine Überdosierung.
  • Im Gegensatz zu wasserlöslichen Substanzen, die über die Niere ausgeschieden werden, verbleiben z.B. fettlösliche in den Fettzellen und reichern sich dort an (z.B. viele Beruhigungsmittel und Schlafmittel). Die Folge wäre ein Zustand ständiger Schläfrigkeit, ein teilnahmsloses Hindämmern.
  • Bei der Zuführung von Wirkstoffen, die der Körper auch selbst produziert, können Veränderungen von Einnahmezeiten oder Dosierungen das empfindliche Stoffwechselgleichgewicht so stören, dass der Körper als Reaktion darauf die eigene Produktion solcher Stoffe komplett einstellen könnte.

Wer also kein Mediziner ist, sollte niemals eigenmächtige Entscheidungen über die medikamentöse Behandlung treffen und jede gewünschte Änderung mit dem behandelnden Arzt absprechen.

Zusammen mit dem Arzt vernünftige Alternativen suchen

Ergründet man die Ursachen für manche Beschwerden, dann entstehen oftmals ganz andere, meist einfache Lösungen: So hilft vielleicht auch eine Umstellung von Gewohnheiten: Ernährung, Getränke, körperliche Bewegung, Tagesrhythmus. Oder man wendet einfache Hausmittel an, die sich förderlich auswirken auf Verdauung, Schlaf, Durchblutung, Leistungsfähigkeit usw.

Ein umsichtiger Mediziner wird gerne darauf eingehen, wenn Patienten Wege suchen, die Anzahl oder Dosierung ihrer Medikamente zu reduzieren. Ab einem Alter von 65 Jahren sollte man außerdem in kürzeren zeitlichen Abständen die Dosierung der Medikamente in Abhängigkeit von ihrer Wirkung überprüfen lassen.

Nicht selten werden Medikamente verordnet, deren Wirkstoffe sich gar nicht für ältere Menschen eignen. Wer dies selbst überpüfen möchte, der kann dies anhand der PRISCUS-Liste. „priscus“ bedeutet „altehrwürdig“. Unter diesem Begriff entwickeln Forscher in fachübergreifender Zusammenarbeit neue Therapieansätze: Es geht um Gesundheit im Alter und wie sich die vielen, gleichzeitig auftretenden Krankheiten im höheren Alter behandeln lassen. Gefördert wird Priscus vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), die Ruhr-Universität Bochum koordiniert alle Forschungsvorhaben.

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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