Die Politsatire "Nasentanz - Früchtchen aus dem Garten der Macht"

Nasentanz - buecher.de
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Joseph Dehler zeigt in seinem Buch mit extrem scharfer Zunge die bittere Realität beim Blick durchs Schlüsselloch der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik

Gerhard Brödle von der Freien Unternehmer Partei Deutschlands FUPD wird Minister. Am selben Tag holt er sein französisches Bett vom Speicher, dass ihn ganz vehement an seine wilden Zeiten erinnert. Er ist fest entschlossen, dieses Bett in seiner Marienburger Zweitwohnung wieder aufzubauen. Und seine Ehefrau soll davon nicht unbedingt etwas wissen. Nun sitzt er neben ihr in der heiligen Messe im Selbenbrücker Dom und sinniert über seine Pläne. Auf keinen Fall möchte er Streit mit seiner Angetrauten. Trotzdem ist ihm schon beim Antritt seines neuen Amtes klar, dass er die ihm verbleibende Freizeit hauptsächlich im Bett verbringen wird. Eben in dem französischen.

Ein französisches Bett ist seit Jahrzehnten auf dem Speicher

Schon seit vielen Jahren kämpft er um dieses Bett auf dem Speicher. Seine Frau Lotte hatte an den jährlich wiederkehrenden Abfuhrtagen der Sperrmüllwagen immer wieder darauf hingewiesen, dass das Bett doch wohl nun endgültig wegkönne. Doch seine Gedanken an die schönste und unabhängigste Zeit seines Lebens sind sofort wieder präsent, wenn er nur an dieses Bett denkt. Auch fängt die Beziehung zu seiner Frau immer wieder Feuer, sobald er diese Gedanken hegt.

Zu dem Bett gibt es einen eingemotteten Bettbezug mit Che-Guevara-Design. Natürlich ist Brödle sehr besorgt darüber, dass irgend jemand in Marienburg sein Bett und diese wilde Bettwäsche zu Gesicht bekommen könnte. Es muss also alles wohl überlegt sein. Die heilige Messe dauert noch an.

Auch fachlich ist er mit der neuen Stellung nicht vertraut

Auch fachlich ist er mit seiner neuen Stellung noch keineswegs vertraut: "Als besonders heikel empfand er nach der Ernennung selbst, dass er von dem ihm übertragenen Ressortbereich 'Vermögenswirtschaft und Technologieentwicklung' überhaupt nichts verstand." Aber das ist wie gesagt nicht sein Hauptproblem. Was würde er nur machen, wenn Lotte ihn plötzlich besuchen wollte an seinem neuen Wohnort? Lotte kannte seine Bettwäsche, na klar. In jener Zeit, wo sie ihn kennen lernte, war sie immerhin Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS. Und er hatte den Bettbezug damals nur angeschafft, um wegen der abweichenden politischen Meinungen ein Zeichen zu setzen.

Brödle ist so in Gedanken versunken, dass Lotte ihn darauf aufmerksam machen muss, dass Pastor Anselm den Schlusssegen erteilt: "So sangen sie gemeinsam 'Großer Gott wir loben Dich' und dann gingen sie, wie nach jedem Kirchgang, Arm in Arm schweigend nach Hause." Brödle ist sich sicher: Das Mitnehmen von Bett und Bettbezug will er seiner Frau zunächst einmal verschweigen.

Ein dimmbarer Antikspiegel mit erotisierender Wirkung

Besonders stolz ist Brödle auf seinen dimmbaren ovalen Antikspiegel. Auch den holt er am nächsten Tag vom Speicher und er träumt schon davon, diesen Spiegel wieder in voller Größe und in ganzer Breite am Kopfende des schwarzen Kunstlederbettes anzubringen: "Besonders auf das den Spiegel seitlich abrundende rote Dämmerlicht hatte er es abgesehen. Dieses hatte damals seine Kaufentscheidung für das französische Bett wesentlich gefördert. Es hatte für ihn eine gleichsam beruhigende wie erotisierende Wirkung. ... Es war für ihn das Symbol extravaganter Bettkultur der sechziger Jahre schlechthin, auch wenn solche Möbelstücke im Zeitalter der Studentenbewegung als höchst spießig galten."

Als Lotte den Dachboden inspiziert, vermisst sie sofort das französische Bett. Doch der allseits als knauserig bekannte Brödle verkauft ihr das Ganze als eine Sparmassnahme, bei der er das alte Bett noch verwenden könne, ohne ein neues kaufen zu müssen. Dagegen kann sie nun wirklich nichts sagen. Irgendwie ist er erleichtert, dass Lotte nun Bescheid weiß.

Politik nur noch erträglich als Satire oder politisches Kabarett

Wie es nun weitergeht mit den beiden und dem Bett, ja, da kann man nur die Lektüre dieses köstlichen satirischen Buches empfehlen. Jeder weiß, dass die Wirklichkeit oft grausamer ist als jede Satire. Joseph Dehler schafft es nun, mit sehr kritischer Distanz die Rituale der Macht, die innere Leere und die selbstgefällige Geschäftigkeit der Politiker und ihrer Handlanger aufzuzeigen. Hier trifft man nun in seinen Kurzgeschichten auf Wichtigtuer, Jasager und Angsthasen, aber auch auf ein paar Querulanten. So geht es in rascher Folge um Machthunger, Profilneurosen und Karrieresucht, aber auch um Gewissenlosigkeit und Selbstbedienungsmentalität.

All das ist das Ergebnis eines unsäglichen Gleichklangs von Eigennutz und Jasager-Mentalität. So konnte das Buch - in Zeiten, in denen man Politik nur noch als Satire oder als politisches Kabarett ertragen kann - nur geschrieben werden von jemandem, der im Innenleben der Macht viele Jahre lang zu Hause war. Joseph Dehler (65) ist seit 2009 im Ruhestand. Aber der ist wohl eher ein Unruhestand. In Zeiten immer größer werdender Wahlabstinenz, von Protestwahlverhalten und kritischer Betrachtung politischer Entscheidungen ist nun sein Buch ein Muss im Bücherregal eines jeden politisch interessierten Bürgers.

Joseph Dehler "Nasentanz - Früchtchen aus dem Garten der Macht", ISBN 978-3-88864-492-4,

292 Seiten. 19,50€.

Foto: www.buecher.de

Gabriele Schreib M.A. - Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - frischer Wind vom Hohen Norden Politologin, Redakteurin, Autorin Schreiben, Erlebtes und ...

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