
- Kernkraftwerk - Viktoria Mildenberger - Pixelio.de
Die friedliche Nutzung von Kernenergie hat in Deutschland schon seit jeher die Gemüter erregt. Und das, obwohl sie anfangs beinahe euphorisch begrüßt wurde. Die Aufbruchsstimmung im Nachkriegsdeutschland einte in den 1950er Jahren sämtliche Parteien und die neue Energieform passte perfekt in das gesellschaftliche Fortschrittsdenken des Wirtschaftswachstums. So unterschied man sehr schnell zwischen der bösen, militärischen und der guten, friedlichen Nutzung der Kernenergie.
Erste Kritik an Kernkraft
Es sollte bis in die 1970er Jahre dauern, bis die Atomenergie erstmalig ernsthaft in die Kritik geriet. Auslöser war damals ein anderer fossiler Brennstoff: das Öl. Erstmalig wurde in der Ölkrise von 1973, die Abhängigkeit der wachstumsverwöhnten deutschen Gesellschaft von endlichen Rohstoffen bewusst, zu denen auch das Uran der Kernenergie zählte. Die Anti-Atomkraftbewegung wurde erstmals laut, wobei die unsichtbare Gefahr der Strahlung und Probleme wie Endlagerung zunächst noch kaum ein Thema waren. Vielmehr wurde Atomenergie stark in Verbindung mit dem ständigen Ruf nach Wirtschaftswachstum gesetzt und gemeinsam mit ihm angezweifelt. Die Ablehnung der atomaren Nutzung verschmolz mit der Abkehr vom ständigen Wachstum und wurde zum Lebensgefühl der jungen Linken.
Erst Tschernobyl machte 1986 das hohe Risiko auch für die breitere Öffentlichkeit deutlich, das von Atomkraftwerken ausging. Tödliche Gefahr, die man nicht sah, roch und die den Tod auch nach vielen Jahren, in Form der Schreckenskrankheit Krebs brachte - die Angst vor Strahlung machte sich unaufhaltsam breit. Die Debatte um Kernenergie wurde stark emotionalisiert und spaltete seitdem Bevölkerung und Politik. Während Kritiker immer wieder auf die unsichtbaren Gefahren der Strahlung und auf das ungelöste Problem der Endlagerung hinwiesen, wehrten Befürworter jegliche Ausstiegsgedanken mit der Frage nach wirklichen Alternativen ab.
Bringt Fukushima eine Trendwende?
Der 11. März 2011 brachte erneut Bewegung in die Diskussion um Atomkraft. Als ob Erdbeben und Tsunami, Japan nicht schon genug getroffen hätten, beschädigten sie zusätzlich eines der leistungsstärksten Atomkraftwerke des Landes, das in der Präfektur Fukushima, direkt am Pazifik lag. Die darauf folgenden Probleme, ließen die Maßnahmen der Hochtechnologie-Nation Japan wie hilfloses Stümpertum aussehen und führten zu Diskussionen um Energiegewinnung, wie es sie selbst direkt nach Tschernobyl in der Bundesrepublik nicht gegeben hatte. Politische Auswirkungen der Diskussionen wurden fast unmittelbar sichtbar. So verlor die CDU in Baden-Würtemberg nach 58 Jahren die Wahlen und das einst stramm-schwarze Bundesland im Süden bekam mit Winfried Kretschmann den ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands. Ob es sich hierbei um die ersten Ausschläge einer energiepolitischen Wende in der Bundesrepublik handelte oder um ein vorübergehendes Strohfeuer, wird wohl nur die Zeit zeigen. Fakt ist, dass der Ruf nach alternativen Energien so laut geworden war, wie nie zuvor.
Alternative Energien
Und ebenso, wie in der Zeit zwischen 1986 und dem 11. März 2011 sind die Stimmen sehr unterschiedlich. Kernkraftbefürworter sagen, die Vorfälle in Japan hätten die Kernenergienutzung nicht gefährlicher gemacht und man dürfe sie nicht als Anlass zum Ausstieg aus der Kernenergie nehmen. Ein Ausstieg aus der Kernenergie sei augenblicklich noch nicht zu kompensieren und daher absolut illusorisch. Gegner der Atomkraft fühlen sich bestätigt und sagen, die Welt solle doch aus den Ereignissen lernen. Alternative Energien gäbe es ausreichend, ein sofortiger Umstieg wäre problemlos möglich. Dazwischen: die verwirrten Bürger, die hin- und hergerissen sind, zwischen Emotion, die zum sofortigen Ausstieg drängt und Ratio, die anzweifelt, ob dieser überhaupt möglich wäre.
Energienutzung in Deutschland
Fakt ist, dass ein breiter Mix unterschiedlicher Quellen derzeit die deutsche Energienachfrage deckt. Er setzt sich zusammen aus fossilen Brennstoffen wie Öl, Gas, Stein-/Braunkohle, regenerativen Energien und Atomenergie. Letztere macht zwar nur rund elf Prozent aus, regenerative Energien müssten aber nicht nur sie, sondern auch die fossilen Brennstoffe kompensieren, die sich erschöpfen und die aufgrund ihrer Emissionen ebenfalls in der Kritik stehen.
Ist ein sofortiger Ausstieg aus der Kernenergie möglich?
Berechtigterweise stellt sich die Frage, ob dies in der ausreichenden Geschwindigkeit möglich wäre, da der Anteil regenerativer Energien am Energiemix mit rund sechs Prozent noch relativ gering ausfällt. Atomenergiebefürworter verneinen das, beziehungsweise sind im Rahmen der Debatte um Fukushima soweit eingenknickt zu sagen, dass dies noch einige Zeit dauern wird.
Ersatz der Atomenergie durch regenerative Energien
Atomenergiegegner wiederum sagen, dass die schnelle Abschaltung von Atomkraftwerken nicht genutzte Kapazitäten an alternativer Energiegewinnung aktivieren würde, so dass bis 2020 ganze 21.000 Megawatt ersetzt werden könnten, wohingegen die Leistung der Atomkraftwerke heute bei nur 20.500 Megawatt läge. Kurz gesagt, ein rascher Ausstieg aus der Kernenergie wäre ohne Probleme möglich. Wasserkraft, Solarenergie, Windenergie und vor allen Dingen der Ausbau der Biomasseverstromung würden dies ermöglichen.
Energiewende erfordert Umdenken
Soweit die Theorie. Fest steht, dass die schreckliche Katastrophe in Fukushima weltweit die Diskussion um Kernkraft wieder angefacht hat. Fest steht aber auch, dass eine wirkliche energiepolitische Wende vor allen Dingen die Bevölkerung fordert. Atomkraftwerke stinken nicht. Sie sind leise und fallen nicht weiter auf. Sie liefern ihren Betreiberfirmen vergleichsweise günstigen Strom und versprechen hohe Renditen. Großflächige Photovoltaikanlagen hingegen, benötigen Platz und Windkraftanlagen sind auffällig und machen Geräusche. Ihr Auf- und Ausbau erfordert Investitionen, die wiederum zu einer vorübergehenden Verteuerung des Stromes führen könnten. In der Vergangenheit haben sich Bürgerinitiativen gegründet, die gegen eine "Verspargelung" der Landschaft durch Windräder vorgingen. Und sind höhere Strompreise ernsthaft in einer Gesellschaft durchzusetzen, in der die "Geiz ist Geil-" Mentalität angesagt ist? Es bleibt abzuwarten, ob die Katastrophe in Japan und der verzweifelte Kampf um das havarierte Atomkrafterk in Fukushima auch im Denken der Menschen eine wirkliche, nachhaltige Wende ermöglicht haben.
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