
- Kultur Schreiben - Tom Koehler, Hamburg
“Die Tageszeitung beim Frühstück oder in der Bahn, der Krimi abends im Bett zum Einschlafen – sie sind nach meiner Auffassung durch digitale Medien nicht zu ersetzen. Oder können Sie sich vorstellen, am Bett ihres Kindes zu sitzen und Schneewittchen vom Laptop vorzulesen?" Das sagte Ian Karan, Hamburger Wirtschaftssenator, bei der Eröffnung der Leitmesse der Zeitungsindustrie IFRA Expo am 4. Oktober 2010 in den Hamburger Messehallen. Er brachte damit zum Ausdruck, was derzeit zwei Branchen intensiv beschäftigt. Die Zeitungsindustrie, aber auch die Druckereien und Verkäufer von Büchern haben einen mächtigen Gegner. Es ist weltübergreifend, schnell, überall zugegen und billig – die Onlinewelt, das Internet. Kollegen schreiben von einem Kampf der Kulturen. Löst die Kultur des Klicks und des Fingerwischs die Kultur des Lesens ab? Eine Diskussion ist entbrannt. "Ich sehe Zeitungen heute ganz deutlich als Luxusprodukt, hingegen wird das Internet immer mehr zu einem Newsticker verkommen." so Robert von Heusinger, Wirtschaftschef der DuMont Redaktionsgemeinschaft, im Wirtschaftsjournalist, Ausgabe 10/2010.
Alternative zur Zeitung – die Online-Zeitung
Zeitungshäuser und Verlage geben so schnell nicht auf, versuchen Marktanteile zu halten. In einer Fallstudie führte Heiner Ulrich, IT Manager des Spiegel Verlags, am zweiten Tag der IFRA Expo die Besucher des Media Port durch das crossmediale Konzept des Hamburger Pressehauses. Kunden des SPIEGEL kaufen ein Heft beim Händler – oder online. Im zweiten Fall ist es dem Leser möglich, sein Heft auf dem Smartphone, auf einem iPad oder auch an seinem PC zu lesen. Die Transaktion des Online-Kaufes versieht das "Heft" mit einer Markierung, die es dem Nutzer ermöglicht, beliebig in den digitalen Ausgabeformaten zu wechseln. Konsequentes Produzieren für alle Formate in einem schlanken Prozess – als generierte und gestaltete Seiten. "Es besteht nicht noch Zeit, eine Ausgabe für das iPhone zu machen", so Ulrich. Er spricht vom multimedialen Komponieren, den raschen Export aus dem Redaktionssystem in alle Kanäle.
360 Grad Spanien
Es gibt keinen Grund mehr, keine Zeitung zu kaufen! Mit dem starken Spruch beginnt Luis Enriquez, Geschäftsführer von Unidad Editorial in Spanien, seinen Vortrag. El Mundo in Orbit – 360 Grad. So nennen er und die Macher der Plattform ihr neues Projekt. Der Leser kann die Zeitung im gedruckten Format im Internet lesen, auch als Regionalausgabe. Interaktion ist möglich, das Archiv steht zur Verfügung, die News gehen vor allen anderen an die Abonnenten und die Titelseite des neuen Tages steht ihnen am Abend davor zur Verfügung. Inzwischen, so Enriquez, herrsche eine digitale Kultur im Unternehmen. Der Erfolg spricht für sich: 15.000 Abos in den ersten Monaten, 82.000 registrierte Nutzer und 1,5 Millionen Visits.
Digitale Konsequenz
Bei der DPA nennt es sich Touchpoint auf der Timeline. Redaktionsschluss gibt es nicht mehr. Die Produktion crossmedialer Inhalte rotiert gleichmäßig, über den ganzen Tag verteilt. Einschnitt in die Arbeitswelt: Waren Diskussionen über ein Zwei-, gar ein Drei-Schicht-System in Redaktionen noch vor Jahren knochenharte Auseinandersetzungen, stellt sich heute die Frage gar nicht mehr. Die Konkurrenz schläft nicht. Die Technik ist der Treiber der Marke und Marke möchte jeder sein: Auffallen im Medienrauschen, wahrgenommen im Informationsgewitter. Bei aller maschinellen Unterstützung, allen automatisierten Uploads und Geotags, ist der Mensch doch der wertende, kritische Entscheider bei der Auswahl der relevanten Informationen.
Innovatives Anzeigengeschäft
Zeitungen litten sehr unter dem drastischen Rückgang der Werbeeinnahmen und des Anzeigengeschäfts. Der Marktanteil der Werbeeinnahmen von Internet und Zeitung gleicht sich an, kreuzt sich in Amerika schon. Der digitale Trendsetter kennt kein Erbarmen mit dem Kulturgut Zeitung. Doch auch wenn der Anzeigenmarkt zu 65 Prozent von Google beherrscht wird – Zeitungswerbung ist bis zu 60 Prozent erfolgreicher als digitale Werbung. Und Google hat keine Printmedien – noch nicht. Denen ist alles zuzutrauen. Die Kundenbindung geht neuerdings über Anzeigenportale, die es einem kleinen Gewerbetreibenden oder Freiberufler erlauben, zum Beispiel gezielt auf SPIEGEL ONLINE zu werben. Eingegrenzt nach Postleitzahl und Zielgruppe.
Knistert es noch oder piept es schon?
Ist es der Geruch, das Gefühl? Ist es das wunderbar Praktische, ohne Strom und an jedem Ort funktional zu sein? Die Zeitung am Morgen flankiert von Kaffee und Brötchen ist Kultur, ein Ritual. Gibt es diesen entspannten Start in den Tag auch am iPhone oder am Laptop? Nicolas Bissantz aus der Zeitung (und Webseite) trafficnewstogo.de: "Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird kaum belastet. Wir müssen weder laden noch klicken noch wischen noch scrollen." Zeitung hat was, doch auch dieser Artikel erscheint online. Es ist noch nicht ausgestanden, der Wettbewerb zweier Giganten läuft. Wer der Sieger wird, ist fast vorherzusehen. Die Zeitung wird aber nicht sterben. Noch einmal einige Worte von der Hamburger Zeitungsmesse dazu: "Seit der Einführung von Apples iPad im Frühjahr sind sich viele Verlage sicher: Die Zukunft der Zeitung liegt in Tablet-Computern. Schrumpfende Einnahmen durch weniger verkaufte Ausgaben sollen mit den flachen Multimedia-Geräten aufgefangen werden. Der Weltverband der Zeitungen und Nachrichtenmedien WAN-IFRA warnt vor zu viel Euphorie und vor der alleinigen Konzentration der Verlage auf Tablets."
