
- Toller im Gefängnis Niederschönenfeld - www.recollectionbooks.com
Nur schwer kämpfen sich Schüler durch Tollers Dramen "Die Wandlung“ (1919) oder "Masse Mensch“ (1919/20). Eine schwere Kost, zumal aus heutiger Sicht. Denn naiver "O-Mensch-Pathos“ und "Weltveränderungsenthusiasmus“ lassen sich nur dann verstehen, wenn man Tollers Werke an die historischen Ereignisse - den Ersten Weltkrieg und die Epoche der Weimarer Republik - koppelt. Denn Toller war nicht nur eine literarische, sondern vor allem eine politische Figur. Das belegt vor allem sein umfangreicher Nachlass aus Briefen, Tagebüchern und Reden – ein schier unerschöpfliches Quellenmaterial für Literaturwissenschaftler und Historiker.
Neuauflage der Werke Ernst Tollers
Daher hat sich die Ernst-Toller-Gesellschaft zur Aufgabe gemacht, Werke und Forschung Ernst Tollers zu fördern, durch Symposien, Veröffentlichungen zum Forschungsstand sowie eine umfangreiche Archivarbeit. Man denke dabei an die weltweit bis heute wohl vollständigste Bibliographie von John M. Spalek.
Alle zwei Jahre verleiht die Ernst-Toller-Gesellschaft den Ernst-Toller-Preis für "besondere literarische Leistungen im Grenzbereich von Literatur und Politik“. Bisherige Preisträger sind deutsche Ausnahmeliteraten wie Juli Zeh oder Günter Grass.
Und passend zu seinem 115. Geburtstag am 1. Dezember hat Katja Langenbach für den Hörverlag seinen autobiographischen Roman "Eine Jugend in Deutschland“ als Hörspiel inszeniert. Das wohl bedeutendste und zeitloseste seiner Werke. Und dies in einem zurzeit mehr als politiküberdrüssigen Deutschland. Was also macht Toller, fernab von allem Mainstream, so interessant?
Ernst Toller - innere Zerrissenheit im widersprüchlichen Deutschland
Natürlich – man kann die heutige Zeit nicht mit der Weimarer Republik vergleichen. Zeitlos ist Toller jedoch in seiner Suche nach der eigenen Identität in einem sowohl politisch wie ethnisch zerrissenen Land.
Toller fühlte sich zeitlebens zwischen den Stühlen. Seine eigene Familie war das Paradebeispiel dieser Zerrissenheit:
Ein Leben zwischen antisemitischer Anfeindung einerseits und überheblichem Standesdünkel einer deutschen Minderheit im überwiegend polnisch sprechenden Posen andererseits. Kein Wunder also, dass sich der junge Student Toller von dem Kriegsenthusiasmus des Jahres 1914 mitreißen ließ. Hier konnte er, wie er glaubte, über die Grenzen von Religion und Klasse hinaus seinen Platz in der Gesellschaft finden.
Der 1. Weltkrieg: Ernst Toller wird zum Pazifisten
Die Erlebnisse als Soldat im Ersten Weltkrieg ließen die anfängliche Kriegseuphorie schwinden. Bald schon fand Toller heraus, dass in der Armeewelt keineswegs der "klassenlose Kampf“ für die gute Sache stattfand. Vielmehr spiegelten sich hier dieselben (un-)sozialen Mechanismen wider wie in der zivilen Welt.
Die Fronterlebnisse bei der Schlacht von Verdun im Jahre 1916 taten ihr übriges. Ein physischer und psychischer Zusammenbruch folgte. Noch Jahre lang hatte Toller, nun für kriegsuntauglich erklärt, mit den traumatischen Erlebnissen zu kämpfen.
Ernst Toller und das Treffen auf Burg Lauenstein – Politisierung der deutschen Intellektuellen?
1917 nahm Ernst Toller sein Studium in Jura und Philosophie wieder auf, interessierte sich jedoch viel mehr für die Literaturvorlesungen. Hier kam er über den Literaturprofessor Arthur Kutscher mit anderen deutschen Literaten, wie Thomas Mann und Rainer Maria Rilke, in Kontakt.
Von dem Treffen auf Burg Lauenstein, das vom Verleger Eugen Diederichs initiiert wurde, versprach sich Toller viel. Intellektuelle aus ganz Deutschland trafen sich hier, um über die politische Lage des Landes zu diskutieren. Doch Toller war von der passiven Haltung seiner Kollegen enttäuscht. Nicht ohne Einfluss blieb jedoch die Bekanntschaft mit Max Weber, der ihn an die Universität Heidelberg holte. Die folgende Zeit markiert denn auch die Ausbildung von Tollers pazifistisch und revolutionär-sozialistischer Haltung.
Ernst Toller und die Münchener Räterepublik
Die Revolutionszeit der Jahre 1918/1919 schien für viele Deutsche die Chance für einen Neuanfang zu sein.
Zusammen mit Erich Mühsam und Gustav Landauer rief Toller 1918 die Münchener Räterepublik aus und war selbst mit dem Aufbau der Roten Armee beauftragt. Nach der blutigen Niederschlagung der Revolution durch die Freikorps, bei der auf beiden Seiten hunderte von Menschen ums Leben kamen, wurde Toller verhaftet und zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Dass die Strafe noch relativ gering ausfiel, ist Max Weber zu verdanken, welcher Toller in der Gerichtsverhandlung juristisch verteidigte.
Während seiner Gefängnishaft versuchte Toller, sowohl seine Kriegserlebnisse als auch seine eigenen Schuldgefühle und Gewissenskonflikte hinsichtlich seiner Rolle während der Räterepublik zu verarbeiten. Seine Dramen, wie vor allem "Masse Mensch“, spiegeln genau dieses Dilemma wider: Immer geht es bei Toller um die Frage, auf welche Weise man eine sozial gerechte Gesellschaft auf pazifistischem Wege erreichen kann.
Ernst Toller im Exil
Durch die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 war Toller, wie viele seiner Kollegen, gezwungen, Deutschland zu verlassen. Wegen seiner Tätigkeiten im Rahmen der pazifistischen Gruppe um Kurt Hiller war er den Nazis seit langem ein Dorn im Auge. In Goebbels` Propaganda avancierte Toller sogar zum "Staatsfeind Nummer Eins“.
Über die Schweiz und England emigrierte Ernst Toller schließlich in die USA. Hier hielt er über 200 Vorträgen gegen den Krieg und engagierte sich – jedoch erfolglos – im Spanienkrieg. Immer wieder versuchte er vergeblich, seine Geschwister aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu sich zu holen.
Die zermürbenden und erfolglosen politischen Aktivitäten dieser Jahre mögen dazu beigetragen haben, dass Ernst Toller sich letztendlich für gescheiert hielt und sich am 22. Mai 1939 im Mayflower Hotel am New Yorker Zentralpark das Leben nahm.
Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland (3 CD`s). 171 Minuten Spielzeit. DHV der Hörverlag 2008. Euro 24,95.
Wolfgang Frühwald und John Spalek: Der Fall Toller. Carl Hanser Verlag 1979. 300 Seiten. Euro 20,00.
Ernst Toller: Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts. Reclam Verlag 1979. 77 Seiten. Euro 2,60.
