
- Der Regisseur und Schauspieler Hark Bohm - dpa
Die deutschen Autorenfilmer der 1960er und 1970er Jahre haben einen berüchtigten Ruf. Die linkspolitischen und akademischen Filmemacher bestimmten das Kino zwischen den Studentenunruhen 1968 und dem Terrorherbst 1977 und vertrieben das deutsche Unterhaltungs- und Genrekino weitgehend von der Leinwand.
Hark Bohm – spannende Sozialdramen über Außenseiter
Hark Bohm ist eine rühmliche Ausnahme dieser Generation, der sich selten um die Konventionen dieser Szene kümmerte, sondern seinen eigenen Weg ging. Seine Filme sollten niemals belehren oder langweilen, sondern das Publikum begeistern. Die Themen seiner Filme waren die Verwirrungen der Jugend, Sexualität, Außenseiter, Randgruppen und soziale Unterschiede in Klassikern wie "Nordsee ist Mordsee" (1975) und "Moritz, lieber Moritz" (1977). Am 18. Mai 2009 feierte er seinen 70. Geburtstag.
Hark Bohm wurde am 18. Mai 1939 auf der Nordseeinsel Amrum geboren. Nach dem Abitur 1959 in Hamburg studierte er Rechtswissenschaften, brach aber sein juristisches Referendariat 1969 in München ab und wechselte in die Filmbranche.
Hark Bohms Rollen als Schauspieler unter Fassbinder
Die unkonventionelle und experimentelle Filmszene um Stars wie Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder faszinierte den damals 30jährigen Bohm, und er versuchte sich zuerst als Schauspieler.
Regisseur Fassbinder war der Erste, der den hageren und kurzsichtigen Norddeutschen in der Schwabinger Künstlerszene entdeckte und setzte ihn 1972 in seinem Drama "Händler der vier Jahreszeiten" ein. Bis 1981 spielte Bohm in acht weiteren Fassbinder-Filmen mit, darunter einen Apotheker in "Fontane Effie Briest" (1974), einen Buchhalter in "Die Ehre der Maria Braun" (1978) und einen Pianisten in "Lili Marleen" (1980).
Darsteller in Hits wie "Schtonk" und "Knockin' On Heaven's Door"
Bohms Nebenrollen sind meistens Pedanten, Querulanten und Spießbürger, eben bürgerliche Stereotypen, die er mit Effizienz und nordischer Zurückhaltung porträtierte.
Bis heute ist Bohm als Schauspieler gefragt und spielte in vielen erfolgreichen Produktionen mit, unter anderem der Fälschersatire "Schtonk" (1992) mit Götz George und Harald Juhnke, den Dürrenmatt-Krimis "Justiz" (1993) und "Das Versprechen" (1995), Til Schweigers Komödienerfolg "Knockin' On Heaven's Door" (1997) und zuletzt in "Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen" (2008).
Hark Bohms Regiebeginn mit Western und Kurzfilmen
Etwas kleiner, aber wichtiger ist sein Schaffen als Regisseur und Drehbuchautor. 1973 gab er sein Regiedebüt mit "Tschetan, der Indianerjunge", einem sozial geprägten Western als Gegenentwurf zu den farbenprächtigen Winnetou-Filmen der 1960er Jahre.
Bereits 1971 gründete Bohm mit anderen Filmschaffenden den "Filmverlag der Autoren", der sich als unabhängiges Kollektiv jenseits der etablierten Filmindustrie verstand.
Das New Cinema Hollywoods – leider kein Vorbild für Deutschland
Die Politisierung des Kinos fand in Deutschland als krasse Abgrenzung zum Unterhaltungs- und Genrekino statt. Wo das "New Cinema" Hollwoods mit Jungfilmern wie Steven Spielberg, Michael Cimino, Brian de Palma, Martin Scorsese und Francis Ford Coppola Genres vom Western über den Mafiafilm bis zu Vietnam-Kriegsdramen als opulente Kunstwerke umsetzte, verweigerte man sich in Deutschland diesem Trend. Krimis, Historiendramen oder Abenteuerfilme fanden hierzulande nur noch im Fernsehen statt, wo zum Beispiel die populären Advents-Vierteiler wie "Der Seewolf" erfolgreich waren.
Auf der Leinwand regierte an deutschen Produktionen, abgesehen von Schlagerfilmchen und Sexklamotten wie der "Schulmädchenreport"-Reihe, vor allem das sperrige Filmgut der Autorenfilmer. Hark Bohm erschuf in diesem Klima sein eigenes Genre – engagierte Sozialdramen, die sich an der Realität des Publikums orientierten.
Großartige Sozialdramen: "Nordsee ist Mordsee" und "Moritz, lieber Moritz"
Schon sein dritter Langfilm, "Nordsee ist Mordsee" (1975), in dem seine beiden Pflegesöhne Uwe Enkelmann-Bohm und Dschingis Bowakow die Hauptrollen spielten, wurde zum Meilenstein. Die Geschichte einiger jugendlicher Ausreißer, die ihrem Hamburger Sozialbaumilieu zwischen Alkohol, Kriminalität, Gewalt und Trostlosigkeit entfliehen und mit einem Boot in die Nordsee fahren, kam beim Publikum gut an und läuft heute noch regelmäßig in Hamburger Programmkinos.
1977 folgte mit "Moritz, lieber Moritz" eine scharfe Karikatur der Hamburger Oberschicht, als ein Oberschüler aus gutem Hause die erste Liebe, die Sexualität und das Leben auf dem Kiez entdeckt. Der Film lockte über 400.000 Besucher in die Kinos.
Der "dreckige, kleine Film" – deutscher Neorealismus der 1970er Jahre
Zusammen mit ähnlichen Filmemachern wie Roland Klick ("Supermarkt"), Klaus Lemke ("Rocker") und Adolf Winkelmann mit seinen Ruhrpott-Sozialdramen ("Die Abfahrer") war Bohm ein Vertreter des "dreckigen, kleinen Films", wie dieser Neorealismus im deutschen Kino zwischen Mitte der 1970er und Anfang der 1980er Jahre von Filmkritikern genannt wurde.
Die spannenden Filme mit ihren realistischen Plots sowie ihr Erfolg missfielen vielen "intellektuellen" Kollegen des Autorenkinos, die Hark Bohm sogar eine "Sozialdemokratisierung" und die Anbiederung an den Mainstream vorwarfen.
Hark Bohm – Mitbegründer des Hamburger Filmbüros und Filmfestes
Hark Bohm ließ sich von den Vorwürfen nicht beirren und initiierte 1979 das Hamburger Filmbüro, das Filmemachern mehr Mitspracherechte bei der Förderung einräumte. Dazu gründete er mit Wim Wenders, Werner Herzog und Volker Schlöndorff das Filmfest Hamburg. Mit Jürgen Flimm entwickelte er 1993 einen Regiestudiengang an der Universität Hamburg, der seit 1998 an der Hamburg Media School stattfindet. Heute wohnt er wieder im Hamburger Stadtteil Othmarschen.
Insgesamt schrieb, inszenierte und produzierte Hark Bohm bis heute 15 Filme. In "Der Fall Bachmeier – keine Zeit für Tränen" (1984) beschrieb er den realen Fall der Lübeckerin Marianne Bachmeier, die den Mörder ihrer Tochter vor Gericht erschossen hat.
Auszeichnungen für Dramen wie "Yasemin" und "Vera Brühne"
"Yasemin" (1988) behandelte das Tabuthema der Jugendliebe zwischen einem Deutschen und einer Türkin und brachte Bohm den Bundesfilmpreis und eine Oscar-Nominierung als "bester ausländischer Film" ein.
Das TV-Drama "Vera Brühne" (2001) mit Corinna Harfouch bot eine spannende Collage aus Dokumentar- und Spielszenen über einen der größten Skandale der deutschen Justizgeschichte. Sein bisher letzter Film war "Atlantic Affairs" (2002).
Hark Bohms Karriere als Filmprofessor in Hamburg
Heute arbeitet Hark Bohm vor allem als emeritierter Professor für Film am Institut für Theater, Musiktheater und Film der Universität Hamburg. Auch mit seinem Lehramt eckte er zuerst bei den Etablierten an. Während sich die Hamburger Filmstudien am Experimentalfilm und der politischen Dokumentation orientierten, setzte sich Bohm für ein verbessertes Handwerk des Erzählens, spannendere Drehbücher und effizienteres Filmemachen ein, das auch Kosten und Sponsoren berücksichtigt.
Ein krasser Affront gegen die etablierten akademischen Studienziele, und laut Bohm erhielt er erst zum zehnjährigen Jubiläum des von ihm begründeten Studiengangs das Lob eines Universitätsvertreters.
Konformität war noch nie das Sache des Hark Bohm. Auch mit 70 Jahren bleibt der Filmemacher und Schauspieler eine bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung in der deutschen Filmlandschaft, den man hoffentlich noch öfters auf der Leinwand und dem Regiestuhl sehen wird.
