Ein weißer Scheinwerfer, sparsam eingesetzte farbige Spots – mehr braucht sie für ihre Auftritte nicht. Die zierliche, stets in schwarz gekleidete Person steht fast starr vor dem Mikrofon auf der Bühne. Allein Arme und noch mehr die Hände sind in permanenter Bewegung, fahren bald nervös, bald sinnlich am Körper entlang, flattern wie aufgeschreckte Vögel durch die Luft, greifen theatralisch ins Haar, bedecken das Gesicht. Wären da nur die Bewegungen: Diese Frau wäre nichts anderes als eine manierierte Schauspielerin.
Aber die Stimme: Sie scheint alterslos zu sein. Von samtener Geschmeidigkeit ist der warme, volltönende Alt, makellos die Intonation. Sie gurrt und schnurrt, lockt und schmeichelt, mal lasziv, mal naiv, aber immer verführerisch und immer überzeugend: Jedes Chanson ein kleines Drei-Minuten-Drama. Sie sind seit jeher ihr Markenzeichen.
Die "neue Eva einer revolutionären Epoche" wurde sie einmal schwärmerisch tituliert. Eva: Das war Juliette Gréco, die Epoche: das waren die Nachkriegsjahre in Paris, als die Intellektuellen, Dichter und Künstler Stammgäste waren in den Cafés und Bars im Quartier Latin und Daseinsüberdruss, Angst und Zweifel im Existenzialismus ihren Ausdruck fanden. Dessen berühmteste Vertreter waren Jean-Paul Sartre und Albert Camus, die diese philosophische Richtung literarisch aufarbeiteten.
Chansons von freier Liebe und Lebensüberdruss
Und mittendrin Juliette Gréco, die "Königin der Existenzialisten", die "schwarze Muse von Saint-Germain-des-Près: Mit ihren seinerzeit revolutionären Texten von der freien Liebe, dem Lebensüberdruss, Themen, die zu besingen schick war in jenen Jahren, mit den Affären, die sie in ihren literarisch scharfgeschliffenen Chansons beschrieb und die nicht immer himmelhochjauchzend waren, sondern oft genug desillusionierend zu Tode betrübten, war sie das intellektuelle Leichtgewicht der philosophischen Strömung.
Sie war die musikalische Emanation einer Denkerclique, die von Paris aus Schule und auch Mode machte, in der die Farbe Schwarz vorherrschte – "für mich die Farbe der Anarchie, nicht der Trauer", wie Juliette Gréco einmal bekannte, und der sie in der Öffentlichkeit bis heute treu geblieben ist. Weit und breit war sie konkurrenzlos. Edith Piaf war in ihren Lieden die heroische Gossentragödin von Liebesleid und –lust. Ihr Sängerkollege Yves Montand, der unbedarfte Jüngling aus der Prvinz, musste dagegen seinen Stil erst noch finden.
Schwarz - die Farbe der Anarchie
In schwarzer Hose und schwarzem Pullover begann sie ihre Karriere als Sängerin. Schauspielerin wollte die am 7. Februar 1927 in Montpellier Geborene werden; erste Rollen erhielt sie in der Uraufführung von Paul Claudels "Seidenem Schuh" (1943) und in der Komödie "Viktor oder die Kinder an der Macht".
Aber dann, 1946, entdeckte sie ihre Stimme. Mit Chansons wie "Si tu t'imagines" oder "L'éternel feminin" wurde sie populär. "Tabou" und "Rose rouge", Kellerlokale, die sie zusammen mit einer Freundin betrieb, waren Orte ihrer frühen Triumphe. Sartre, Camus und François Mauriac schrieben ihr geistvolle Texte, Léo Ferré und Serge Gainsbourg die Noten.
1959 gastierte sie erstmals in Deutschland – nach langem Zögern, denn als 16-Jährige war sie 1943 von der Gestapo zehn Tage lang inhaftiert worden. Im ehemaligen Feindesland wurde die Gréco begeistert gefeiert – und Stammgast in deutschen Konzertsälen. 1983 zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück; acht Jahre später erlebte sie im Pariser "Olympia" ein glanzvolles Comeback.
Ich erinnere mich an alles
Ihre größten Erfolge, die auch auf rund hundert Schallplatten dokumentiert sind: "Déshabillez-moi", "Je suis comme je suis", "Jolie Môme", "Accordéon", "Paris Canaille."
Verheiratet war sie mit den Schauspielern Philippe Lemaire und Michel Piccoli; 1988 heiratete sie ihren langjährigen musikalischen Begleiter Gérard Jouannest, mit dem sie auf einem Bauernhof in der Nähe von Paris lebt. Ein Herzinfarkt 2001 schien ihre Karriere zu beenden, doch seit 2004 tritt sie wieder auf. In Deutschland war sie zuletzt 2005 in der Berliner Philharmonie zu hören. 2009 erschien ihr vorerst letztes Album: "Je me souviens de tout" – "Ich erinnere mich an alles".
Am 7. Februar wird sie 85 Jahre alt.
