16 Jahre ist es her, dass Henry Charles Bukowski mit 74 Jahren in Los Angeles/USA gestorben ist. Er wäre vermutlich der erste zuzugeben, dass selbst das ein Alter ist, mit dem er nicht wirklich gerechnet habe. Der amerikanische Dichter, Romancier, Kurzgeschichtenautor und Kolumnist lebte ein ausschweifendes Leben, das am 16. August 1920 im beschaulichen Andernach am Rhein seinen turbulenten Anfang nahm.
Die ersten Jahre, "Ham On Rye" oder: fast eine Jugend
Heinrich Karl Bukowski, so sein Geburtsname, wurde dem Paar Henry Bukowski und Katharina Fett am 16. 8. 1920 als einziger Sohn geboren. Sein Vater war US-Besatzungssoldat nach dem 1. Weltkrieg, seine Mutter gebürtige Deutsche. In den wirtschaftlichen Wirren der frühen Weimarer Republik wanderte die junge Familie 1923 in die USA aus, wo sie sich zunächst in Baltimore/Maryland niederließ, einige Zeit später, im Jahr 1930 jedoch nach Los Angeles/Kalifornien zog, wo des Vaters Familie lebte. In seinem autobiographischen Roman "Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend" (engl.: "Ham On Rye" (1982)) beschreibt er viel später seine Kindheit, die vor allem von der Arbeitslosigkeit des Vaters und dessen Aggressionen gegen den Sohn geprägt war. Extreme Akne ließ ihn ein Außenseiterdasein mit nur wenigen Freunde fristen. Die Spuren der Krankheit sollte er in Form von deutlich sichtbaren Narben sein Leben lang mit sich herumtragen. Nach der Highschool ging Bukowski auf das Los Angeles City College, wo er zwei Jahre lang Kurse in Kunst, Journalismus und Literatur belegte. Dem 2. Weltkrieg entging er, als er bei einem psychologischen Tauglichkeitstest im Jahr 1944 als untauglich eingestuft wurde.
Frühe Versuche als Autor oder: die "verlorenen Jahre"
Bereits in den 1940er Jahren versuchte sich Charles Bukowski als Autor - jedoch ohne Erfolg. Er veröffentlichte zwar zwei Kurzgeschichten, "Aftermath Of A Lenghty Rejection Slip" (1944) und "20 Tanks From Kasseldown" (1946), dabei sollte es jedoch zunächst bleiben. Bukowski zog frustriert die Konsequenzen und gab das Schreiben gleich ganz auf - um sich fortan verstärkt dem Alkohol zu widmen, den er bereits in seinen frühen Teenagerjahren kennengelernt hatte: "Der Alkohol wird mir für eine lange Zeit gute Dienste tun", schrieb er später - eine Anspielung darauf, dass er mit seinem Leben grundsätzlich nicht besonders gut zurecht kam. Diese gefährliche Affinität sollte ihm 1955 beinahe das Leben kosten: mit einer Magenblutung wurde er ins Krankenhaus eingeliefert und überlebte nur knapp. Nach seiner Entlassung begann er mit dem Schreiben von Lyrik.
Die 1960er Jahre oder: "Notes Of A Dirty Old Man"
Nach einer kurzen Episode Anfgang der 1950er Jahre, wo Bukowski bereits einmal beim US Postal Service als Briefträger gearbeitet hatte, kehrte er 1960 für zehn Jahre dorthin zurück. 1962 musste er den Tod seiner ersten großen Liebe verkraften - Jane Cooney Baker war die wichtigste einer ganzen Reihe von Musen und kann wohl als seine größte Liebe bezeichnet werden. Ihren Tod verarbeitete Bukowski in einer ganzen Serie von Gedichten und Kurzgeschichten. 1964 wurde seine Tochter Marina Louise Bukowski geboren, die er zusammen mit Frances Smith hatte.
Jon und Louise Webb, die Herausgeber des Magazins "The Outsider" gaben seine ersten beiden Gedichtbände heraus: "It Catches My Heart In Its Hands" (1963) und "Crucifix in a Deathhand" (1965). Neben seiner Arbeit bei der Post schrieb Bukowski für die Underground-Zeitung "Open City" die Kolumne "Notes Of A Dirty Old Man" (später zusammengefasst als Buch unter dem selben Titel (1969)).
Die "Black Sparrow"-Jahre oder: "Der Mann mit der Ledertasche"
Mit 49 Jahren beschloss Bukowski seinem Dasein als Teilzeit-Schriftsteller und Vollzeit-Postangestellten ein Ende zu machen und sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Bei dieser Entscheidung geholfen hat ihm sicherlich das Angebot von John Martin vom Verlag "Black Sparrow Press", ihn zu veröffentlichen. Nach nur einem Monat außer Dienst war sein Romandebüt "Post Office" (1969) (dt.: "Der Mann mit der Ledertasche") fertig und veröffentlicht. Bukowski sollte all seine weiteren Bücher bei "Black Sparrow Press" veröffentlichen - auch wenn er weiterhin Einzelbeiträge für Zeitschriften und kleine Verlage schrieb. Damit war der Durchbruch geschafft und Bukowski erlebte etwas, das er sich, wie sein Roman-alter ego Hank Chinaski immer wieder ungläubig notiert, niemals hätte vorstellen können: er konnte gut vom Schreiben leben und bekam dafür Anerkennung - auch, und vor allem, von hübschen, jungen Frauen, die dem "dirty old man" aus der Hand zu fressen schienen.
Charles Bukowski - der Vielschreiber oder: "Ausgeträumt"
Charles Bukowski war ein Vielschreiber. Er hat in seinem schriftstellerischen Leben unzählige Gedichte und Kurzgeschichten sowie über 40 Bücher veröffentlicht, darunter zahlreiche Romane, die zu einem großen Teil autobiographische Züge, gerade jener, seiner "verlorenen Jahre" tragen - so etwa "Faktotum" (1977), "Das Liebesleben der Hyäne" (1980), "Hollywood" (1990) oder "Ausgeträumt" (1994).
1976 lernte Bukowski Linda Lee Beighle kennen, die zu jener Zeit ein Bio-Restaurant führte. Die beiden verliebten sich ineinander und lebten bis zu Bukowskis Tod zusammen.
Deutlich festzustellen ist, dass Bukowski, je älter er wurde, seine Gedichte und Kurzgeschichten immer kürzer und knapper - damit auch präziser - hielt. Gerade so, als habe er Angst, in diesem Leben nicht mehr alles sagen zu können.
"Don't try!" - der Tod des Charles Bukowski
Am 9. März 1994 stirbt Charles Bukowski in San Pedro/Kalifornien an Leukämie. Kurz zuvor vollendete er seinen letzten Roman "Ausgeträumt", der in beinahe prophetischer Weise das Ableben seines Autors vorwegnimmt. Zwar hatte das Roman-alter ego den Namen gewechselt - von Hank Chinaski zu Nick Belane - aber dennoch ist die Figur großteils eindeutig autobiographisch gefärbt. Liest man den Roman mit Bukowskis Tod im gleichen Jahr im Hinterkopf, so wird die rasante Detektivstory auf ein gänzlich anderesLevel gehoben.
Auf seinem Grabstein steht "Don't try!" - eine Reminiszenz an ein Gedicht, in dem er angehenden Dichtern einen Ratschlag gibt: "Don't try!". Die diesbezügliche Deutung geht dahin, dass man Inspiration und Kreativität im Schreiben nicht erzwingen kann, es also auch gar nicht erst versuchen sollte.
Charles Bukowski wurde 73 Jahre alt.
