Ludwig Wittgenstein hat seine Logisch-philosophische Abhandlung in Einzelabschnitte unterteilt, die durch Ziffernfolgen voneinander abgesetzt sind. „Die Dezimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in meiner Darstellung liegt.“ (Anmerkung Wittgenstein). Legt man die sieben 'Hauptsätze' der Abhandlung nebeneinander, so zeigt sich, dass der Gedankengang Schritt für Schritt aufeinander aufbauend gestaltet ist. Jeder neue Satz greift einen Hauptbegriff des vorangegangen auf und ergänzt ihn um einen weiteren. Während Satz 1 bestimmt: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ (Welt → Fall), heißt es in Satz 2 „Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.“ (Fall → Tatsache). Satz 3 lautet „Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.“ (Tatsachen → Gedanke), Satz 4 besagt: „Der Gedanke ist der sinnvolle Satz“ (Gedanke → sinnvoller Satz) usw. Der Aufbau des Tractatus lässt sich demgemäß schematisch wie folgt darstellen:
- Fall
- Fall → Tatsache
- Tatsachen → Gedanke (logisches Bild)
- Gedanke → sinnvoller Satz
- Satz → Wahrheitsfunktion
- Wahrheitsfunktion
Der Aufbau des Tractatus nach seinen Haupt-Sätzen
Es scheint, Wittgenstein habe mit diesem Verfahren den Aufstellungen aus dem Tractatus zur Wahrheitsfunktion Folge leisten wollen, wo es heißt:
6.234 Die Mathematik ist eine Methode der Logik.
6.24 Die Methode der Mathematik, zu ihren Gleichungen zu kommen, ist die Substitutionsmethode. […] wir schreiten von einer Anzahl von Gleichungen zu neuen Gleichungen vor, indem wir, den Gleichungen entsprechend, Ausdrücke durch andere ersetzen.
Komplettiert um die vollständigen Sätze stellt sich das Schema folgendermaßen dar:
- Welt → Fall. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Welt ist alles, was der Fall ist.
- Fall → Tatsache. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
- Tatsachen → Gedanke (logisches Bild). .Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.
- Gedanke → sinnvoller Satz. . . . . . . . . . . . . Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.
- Satz → Wahrheitsfunktion (Elementarsatz). Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. (Der Elementarsatz ist eine Wahrheitsfunktion seiner selbst.)
- Wahrheitsfunktion → Satz (allg. Form). . . .Die allgemeine Form der Wahrheitsfunktion ist: [p, E, N(E)] Dies ist die allgemeine Form des Satzes.
Der Gedankengang des Tractatus führt nach diesem Schema von der Welt zur allgemeinen Form des Satzes, bevor der berühmte siebte Abschnitt vom Schweigen handelt.
Die Struktur der Unterabschnitte
Auch in den Unterabschnitten x.1, x.2 usw. findet eine schrittweise Explikation auf derselben Ziffernebene statt, wie sich sehr schön an der Internet-Aufbereitung des Textes bei C. Hochholzer nachvollziehen lässt. „Die Sätze n.1, n.2, n.3 etc., sind Bemerkungen zum Satze No. n; die Sätze n.m1, n.m2, etc. Bemerkungen zum Satze No. n.m; und so weiter.“ (Anmerkung Wittgenstein).
Auch die Gesamt-Interpretation des Tractatus scheint viel Ähnlichkeit zu einer Substitutionsaufgabe zu haben.
