Zum Judentum bei Wittgenstein

Wittgenstein war jüdischer Abstammung. Finden sich auch in seinem philosophischen Denken Bezüge und Spiegelungen zum Judentum?

Während der Zeit des Nationalsozialismus war es der Unternehmers-Familie, der Ludwig Wittgenstein entstammt, nur unter großen Schwierigkeiten möglich, in Wien oder anderen Einflussbereichen des Regimes konfliktfrei zu leben. Grund dafür waren die teilweise jüdischen Wurzeln: Ludwigs Mutter Leopoldine, geb. Kallmus, war ebenso wie weitere Vorfahren der Dynastie jüdischer Herkunft. Im allgemeinen Bewusstsein wird Ludwig Wittgensteins Philosophie zumeist nicht in erster Linie als genuin jüdisch eingeordnet. Wie steht Wittgenstein zum Judentum?

„Hundert Prozent Hebräisch“

Eine überraschend starke Aussage zu jüdischem Denken findet sich in den Gesprächs-Aufzeichnungen seines Freundes Drury, denen zufolge Wittgenstein äußerte, seine Gedanken und Überlegungen seien zu hundert Prozent Hebräisch. Überraschend ist dies nicht zuletzt deswegen als sein Hauptwerk in der Auseinandersetzung mit der Logik des englischen Philosophen B. Russel, mit G. Frege, der sog. analytischen Philosophie und deren Ausläufern entstand. Im Kontext des Gesprächs, das Drury wiedergibt, geht es um religiöse Fragen und Aspekte. Wittgenstein entgegnet seinem Gesprächspartner: „Your religious ideas have always seemed to me more Greek than biblical. Whereas my thoughts are one hundred percent Hebraic."

(Spät-)Philosophische Anschlussmöglichkeiten

Zunächst ist hierbei zu beachten, dass sich die Aussage genau genommen auf „religious ideas“ bezieht, nicht notwendigerweise auf Wittgensteins Denken insgesamt. Hier wäre also auseinanderzulegen, ob es die „religiösen Ideen“ sind, die Wittgenstein eher in griechischer Manier oder im hebräischen Geist auffasst, oder ob - sofern das Zitat exakt so gefallen ist – von Wittgensteins eigenen Auffassungen ausgesagt wird, sie seien one hundred percent Hebraic.

In beiden Varianten bleibt das Zitat jedenfalls beachtlich, wenn man die typischen Einordnungsmuster bedenkt. Ausgehend von der Spätphilosophie der „Philosophischen Untersuchungen“ (PhU) werden beispielsweise immer wieder Anschlussmöglichkeiten zwischen wittgensteinschem Denken und griechisch-platonischer Philosophie gesehen. So zum Beispiel von P. Kunzmann, der zwischen dem Konzept der „Familienähnlichkeiten“ in PhU und der klassischen Figur der Analogie eine, wenngleich mit Unterschieden und teilweise gegensätzlichen Akzentsetzungen, Vergleichbarkeit herausarbeitet und postuliert (vgl. Kunzmann, Dimensionen von Analogie, S. 167-221 „Familienähnlichkeit und Analogie", S. 220-221 „Ergebnis“). Auch J.G. Schneider hält die sokratisch-platonische Art und Weise, Philosophie zu treiben, und die dialogischen Ansätze des (späten) Wittgenstein für mehr als „kompatibel“ (J.G. Schneider, Wittgenstein und Platon, S. 264).

Kunst oder künstlich?

Entspricht Wittgensteins Sprachphilosophie eher jüdischem Denken oder neigt es eher dem griechischen Denken zu? Stellt es einen ganz eigenen Ansatz dar? Einen hohen Grad an Originalität wird man den wirkungsreichen Denkangeboten Wittgensteins jedenfalls nicht absprechen können. Betrachtet man die Vielzahl variantenreicher Deutungen, Interpretationen und Anschlussmöglichkeiten, die in der kaum zu übersehenden Sekundärliteratur auszumachen sind, liegt es nahe, von einem wahrhaft und geradezu genialen Kunstgriff Wittgensteins zu sprechen. Vielleicht lässt sich sein philosophisches Werk auch als eine Art großes Vermittlungsangebot zwischen Geist der Moderne, antiken Denktraditionen und der je eigenen Denkauffassung lesen.

Literatur:

Kunzmann, P.: Dimensionen von Analogie. Wittgensteins Neuentdeckung eines klassischen Prinzips, 1998 (Parerga Verlag)

Schneider, J.G.: Wittgenstein und Platon. Sokratisch-Platonische Dialektik im Lichte der wittgensteinschen Sprachspielkonzeption, 2002 (Verlag Karl Alber)

Labron, T.: Wittgenstein’s Religious Point of View, 2006 (Continuum Verlag); siehe hier das Drury Zitat S. 74.

Manfred Schütz - Medienphilosophie

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