
- hinterm zaun nicht ahnungslos - sabine soelbeck
Nach Formalismusdebatte, sozialistischem Realismus und Bitterfelder Weg erhöht das 11. Plenum die Unsicherheit der Intellektuellen und Literaten in der DDR. Der als Schock empfundene Kahlschlag 1965 wird von Künstlern und Intellektuellen in dieser Dimension nicht erwartet. Die kulturelle Repression wirkt hinein bis in das Jahr 1968. Der Prager Frühling wird offiziell nicht als Chance begriffen. Der 6. Schriftstellerkongress im Mai 1969 verläuft unspektakulär. Irgendwie scheint man zwar unzufrieden mit den lähmenden Zuständen, und obwohl sich Strittmatter und Kant äußern, kommt eine Diskussion nicht zustande. Rainer Kunze wird öffentlich für seine Innenweltschau gerügt, über Christa Wolf ?s Nachdenken über Christa T. heißt es, diese Literatur nutze der politische Gegner aus. Kulturpolitik erscheint zunehmend steril, lähmend und desillusionierend.
Am 3. Mai 1971 verlässt Walter Ulbricht die politische Bühne.
Für die Kulturpolitik der DDR bedeutete das keine Überraschungen oder Veränderungen hinsichtlich Einschränkungen, Verboten oder der Zensur. Die Hoch-Zeit der DDR-Literatur schließt die Hoch-Zeit der DDR-Zensur nicht aus. Dennoch. Es gibt eine spürbare Pause hinsichtlich des Drucks von oben. Der neue erste Mann, Erich Honecker, versucht Ruhe zu vermitteln, er gönnt dem Auf und Ab der Kulturpolitik und damit den Kunstschaffenden eine Auszeit. Wir befinden uns in einer dritten Phase der DDR-Literatur. Nach antifaschistischer Exil- und Widerstandsliteratur sowie Bekenntnis- und Verheißungsliteratur existiert seit Ende der 60er Jahre eine gesellschaftskritische Literatur, die, und das ist das Besondere, in der BRD publiziert und wahrgenommen wird.
Auf dem 8. Parteitag im Juni 1971 steht die Kulturpolitik nicht im Zentrum der Diskussion.
Angriffe auf Künstler werden vermieden. Auf der 4.Tagung des ZK der SED im Dezember 1971 spricht Honecker sogar davon, dass es für Kunst und Literatur keine Tabus geben darf. Die Formulierung fällt vage aus, hat aber Konsequenzen. Einige Bücher werden nach anfänglicher Weigerung in der DDR gedruckt, dazu gehören Heyms Die Schmähschrift, Lasalle und Der König David Bericht, sowie Kants Das Impressum (erhält nach dreijähriger Nichtveröffentlichung 1972 Druckgenehmigung). In der Literaturwissenschaft häufen sich Begriffe wie Weite und Vielfalt, Phantasie, Entdeckerdrang, schöpferisches Suche, Individualität und Persönlichkeit.
Ein Zeichen der Lockerung?
Die Fiktion von der Einheit aller Interessen wird zugunsten einer Stabilisierung aufgegeben. Ein weiter Kulturbegriff wird postuliert, der nicht über die unterschiedliche Interessenlage von Partei und Intelligenz hinweg täuschen darf. Die neue Freiheit hat alte Grenzen in Form von Genehmigungs- und Kontrollverfahren, die jeder ungehemmten Spontaneität in künstlerischer Hinsicht auf die Finger klopft. Doch die Literaten in der DDR schöpfen Hoffnung.
Es finden in der Zeitschrift „Sinn und Form“ zwei kontroverse Debatten statt, in die nicht eingegriffen werden. Adolf Endler schob die erste Debatte 1971 an. Der Lyriker rechnet mit der Germanistik ab, die er als „Leistungswissenschaft“ bezeichne. Er unterstellte ihr Provinzialismus, welcher der Sinn fehle, in weltliterarischem Kontext zu denken. Ulrich Plenzdorfs Text Die neuen Leiden des jungen Werther eröffnen 1972 die zweite Debatte. Die Redaktion veröffentlicht, sofort werden Vorwürfe laut. Es dürfe nicht sein, dass „verwahrloste, verhaltensgestörte Jugendliche zu positiven Helden der sozialistischen Literatur“ werden. Diese Aussage wurde allgemein nicht gestützt. Bezeichnend an dieser Situation aber war die freiere Art der Diskussion, die eine offenere Atmosphäre suggerierte.
Bereits vor dem 9. ZK-Plenum im Mai 1973 äußern sich konforme Autoren ärgerlich über die kulturelle Situation in der DDR.
Helmut Sarkowski ärgert sich darüber, dass Lösungen (in Texten) vorgeschlagen werden, die von der Partei nicht befürwortet und noch viel schlimmer, dass überhaupt keine Lösungen angeboten werden. Erik Neutsch verweigert jeden Kompromiss auf ideologischem Gebiet. Harry Thürk bringt Rainer Kunze (er nennt ihn nicht namentlich) mit Solschenizyn in Verbindung. Auch Honecker nennt auf dem Plenum keine Namen, weder Braun noch Plenzdorf, aber vage Anspielungen lassen ahnen. Bestimmte Schriftsteller, heißt es dementsprechend, stehen nicht im Einklang mit dem Anspruch des Sozialismus an Kunst und Literatur. Die Verwarnung hat Gültigkeit, sie bestätigt sich in Maßnahmen wie der Biermann-Ausbürgerung. Die Interessen des Politbüros werden offenbar. Der „neue freizügige Kulturkurs“ ist 1979 beendet. Es folgen Parteistrafen, Ausschlüsse, Publikationsverbote und Bewilligungen zur Ausreise.
In den 60er und 70er Jahren ist von Seiten westdeutscher und ostdeutscher Literaturwissenschaftlern von einem Wandel der Literatur die Rede. Das Pendel der Freizügigkeit schlägt zwar 1979 zurück, dennoch hat eine komplexere Entwicklung innerhalb der Literatur stattgefunden.
Eine neue Qualität wird erreicht.
Texte von Christa Wolf, Franz Fühmann, Erwin Strittmatter, Hermann Kant, Heiner Müller, Peter Hacks, Volker Braun und Wolf Biermann erreichen die westdeutschen Leser. Eine Gegenkultur stellt sich der Offiziellen entgegen. Die Literatur beginnt den platten Fortschrittsglauben abzulegen. Bert Bachmann nennt es „das neue Selbstbewusstsein der Künstler und Schriftsteller“.
Im Vergleich der Schriftstellerkongresse von 1968 und 1971 kommt es zu einem Abwenden von „Harmonisierung“ und der Zulassung des „begrenzten Konflikts“. In der Literatur dominiert der wirkliche Gesellschaftszustand.
Thematischer Schwerpunkt bildet die Problematik der Eingrenzung der Selbstverwirklichung des Subjekts durch die Zwänge des politischen Systems.
DDR-Rezensenten kritisieren u.a. die fehlende Dialektik. Offenbar werden: der Verlust von Illusionen gegenüber dem Fortgang der Geschichte, die wachsende Kritik am verwalteten Sozialismus, die Hinwendung zum Individuum, die Darstellung von Entfremdungserscheinungen sowie neue Varianten der Konfliktbewältigung. Es ist ein Zeugnis der Desillusionierung der Autoren und der Öffentlichkeit über die als Diskrepanz empfundene Wirklichkeit angesichts der sozialistischen Ideologie und Praxis. Die Autoren bilden aber keine direkte politische Opposition, da genügend Repressionsorgane der Abschreckung dienen. Dennoch spiegeln die Themen innerhalb der Werke gerade die Handlungsunfähigkeit der Kulturschaffenden im historischen Prozess wieder.
Werner Mittenzwei: Die Intellektuellen. 2001. S. 263
Manfred Jäger: Kultur und Politik. 1982, S. 137.
Manfred Jäger über die Aussage von Staranwalt Friedrich Karl Kaul. S.149
Bert Bachmann: Der Wandel der politischen Kultur in der ehemaligen DDR. 1993. S. 55
