Zum Tod von José Saramago

José Saramago  - Wikipedia
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Am 18.Juni 2010 starb der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago. Hier eine Erinnerung an sein Werk und sein Leben

Am 18.06.2010 dominierte ein Thema die spanischen Medien: Der Tod von José Saramago. Der Portugiese und Nobelpreisträger 1998 der Literatur starb mit 87 Jahren in seiner Wahlheimat, der spanischen Kanareninsel Lanzarote. Spanien ehrte seinen Adoptivsohn auf allen Ebenen, von der Kulturelite bis zur politischen Klasse. Weitaus mehr, als dies in der portugiesischen Presse der Fall war. Dies ist bezeichnend für die nicht immer einfache Beziehung zwischen dem Schriftsteller und seiner Heimat.

Das Leben des Romanciers José Saramago

José de Sousa Saramago wurde am 19. November 1922 in dem kleinen Dorf Azinhaga im Kreis Golegã in der portugiesischen Provinz Ribatejo als Sohn von José de Sousa und Maria da Piedade geboren. Den Namen Saramago, was eigentlich Ackerrettich heißt und Nahrungsgrundlage der armen Bauern war, hatte er dem Schreiber auf dem Standesamt zu verdanken. Da die Familie unter dem Spitznamen Saramago bekannt war, trug der Beamte diesen in die Geburtsurkunde ein. Erst später, als der Junge eingeschult wurde, fiel der Lapsus auf. Seine Familie gehörte wie die Mehrheit der Bevölkerung der landschaftlich geprägten Provinzen Alentejo und Ribatejo den armen Landarbeitern auf den Latifundien von Großgrundbesitzern an. Der junge José wuchs mit den Problemen der Campesinos und den Ungerechtigkeiten der Klassenunterschiede auf. Die sozialen Verhältnisse seiner Heimatprovinz prägten seine tiefe Sensibilität für die Armen und Schwachen der Gesellschaft. Seine Großeltern waren noch allesamt Analphabeten, wie der bescheiden gebliebene Saramago auch bei der Dankesrede der Nobelpreisvergabe in Schweden betonte. „In meinem Elternhaus gab es keine Bücher“, erinnerte er bewusst vor den geladenen VIPs. Im Alter von drei Jahren zog seine Familie in die Hauptstadt Lissabon um, wo sein Vater eine Anstellung bekam. Saramago verbrachte fast sein ganzes Erwachsenenleben in Lissabon. Hier näherte er sich in autodidaktischen Studien der Literatur. Ein Studium konnten seine Eltern nicht finanzieren und so musste er zunächst einen technischen Beruf erlernen. Er arbeitete als Maschinenschlosser, Angestellter und Redakteur. 1944 heiratete er die portugiesische Malerin Ilda Reis, Mutter seines einzigen Kindes Maria Violante. Nach seiner Scheidung 1970 lebte Saramago einige Jahre mit der Schriftstellerin Isabel da Nóbrega zusammen. 1986 lernte er seine dritte Frau, die spanische Journalistin Pilar del Rio kennen, die auch seine Übersetzerin war. Mit ihr lebte er bis zu seinem Tod, am Freitag den 18. Juni 2010 glücklich auf Lanzarote.

Eine gesellschaftskritische Stimme, die für immer verstummt ist

Als bekennender Kommunist und Atheist machte sich Saramago nicht nur Freunde im konservativ religiös geprägten Portugal. 1969 trat er der damals unter dem Salazar Regime verbotenen Kommunistischen Partei Portugals (PCP) bei und war lange Zeit im Untergrund engagiert. Doch auch innerhalb des Parteiapparates war Saramago eine kritische Stimme, die vieles hinterfragte. Mehrfach verlor er aus politischen Gründen seine Stellungen, wie zuletzt 1976 als stellvertretender Redaktionsleiter der portugiesischen Tageszeitung Diário de Notícias. Mit der linksgerichteten Nelkenrevolution von 1974 schien Portugal zunächst zum Kommunismus zu tendieren, doch gewann die gemäßigte bürgerliche Bewegung die Überhand. Saramago wurde entlassen. Ohne irgendeine Aussicht auf eine weitere Anstellung, begann Saramago seine Laufbahn als freier Schriftsteller. 2004 kandidierte er für das Europaparlament auf einen allerdings erfolglosen Listenplatz. Saramago war eine vielgehörte Stimme in weiten Teilen der Gesellschaft. Bis zuletzt am Weltgeschehen interessiert, äußerte er sich stets offen und mutig zu gesellschaftspolitischen und weltpolitischen Themen und blieb sich dabei immer treu. Ehrlich, direkt und leidenschaftlich prangerte er die Ungerechtigkeiten des globalen Kapitalismus und z.B die Unterdrückung des palästinensischen Volkes an .

Die Werke José Saramagos

José Saramagos schriftstellerisches Wirken begann erst 1976, seine größten Erfolge erzielte er in den 1980er und 1990er Jahren mit dem Roman Levantado do Chão (dt. Titel Hoffnung im Alentejo), den kirchenkritischen Werken "O Evangelho segundo Jesus Cristo" und "O Memorial do Convento" (Das Memorial). "O Ano da Morte de Ricardo Reis" (Das Todesjahr des Ricardo Reis) war einer seiner besten Romane. Saramago schrieb auch Essays, Theaterstücke und Gedichte. Seine Sprache war kraftvoll und ausdrucksstark. Oft wurde ihm ein komplizierter Schreibstil vorgeworfen, da er kaum Kommas verwendete. Doch gerade diese ihm eigene Form verstärkt seine sprachlichen Bilder. Saramago inspirierte sich nach eigenen Angaben an Fernando Pessoa, der ihn schon früh faszinierte. Im Evangelium nach Jesus Christus beschreibt Saramago einen sehr irdischen Jesus mit einer Liebesbeziehung zu Maria Magdalena. Die katholische Kirche Portugals warf ihm Blasphemie vor und verurteilte die Arbeit. Der damalige Kulturstaatssekretär Pedro Santana Lopes der konservativen PSD strich seinen Titel von der Kandidaten-Liste für den Europäischen Kulturpreis 1992. Daraufhin verlegten der Autor und seine spanische Ehefrau ihren Wohnsitz auf die Kanareninsel Lanzarote - ins Literaturexil, wie Saramago es nannte. Die Inselgemeinde nahm den Portugiesen herzlich auf und setzte dem Autor ein Denkmal mit einer nach ihm benannten Bibliothek und einer Bronzestatue in der Nähe seines Hauses. Seine letzten bekannten Werke waren "Ensaio sobre a Cegueira" (Die Stadt der Blinden) ,"A Viagem do Elefante" (Die Reise des Elefanten) und das bibelkritische Werk "Caím" (Kain), das auf der Buchmesse 2009 in Frankfurt vorgestellt wurde. Das sozialkritische Buch "Ensaio sobre a Cegueira" verarbeitete der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles als Kinodrama unter dem englischen Titel „Blindness" . Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt waren Saramagos Titel unter dem Rowohlt Verlag erschienen.

Portugals einziger Literaturnobelpreisträger - Im Ausland verehrt, in der Heimat umstritten

José Saramago hatte im europäischen Ausland, vor allem aber in Spanien sowie in den portugiesisch sprechenden Ländern Brasilien, Angola und Guinea Bissau eine treue Fangemeinde und war auch als Mensch sehr verehrt. Auch in Portugal hatte er seine Anhänger, doch war er den Konservativen und Katholiken immer ein Dorn im Auge.

Am 19.06.2010 wurde sein Leichnam nach Lissabon überführt und für eine öffentliche Trauerfeier in der Stadtverwaltung aufgebahrt. Vielleicht spielte auch ein bisschen schlechtes Gewissen von Seiten der portugiesischen Obrigkeit mit. Zudem wollte man den Spaniern den Nobelpreisträger nicht als “Trophäe“ überlassen, könnte man fast meinen. Der portugiesische Staatspräsident glänzte durch Abwesenheit. Doch kamen viele ehrlich trauernde portugiesische Fans und treue Leser, um dem Autor die letze Ehre zu erweisen.

Im Ausland verehrt, in der Heimat oft unverstanden – so zeigten sich auch die letzten Lebensjahre des einzigen portugiesischen Nobelpreisträgers der Literatur. Ein Humanist, Menschenfreund und großer Denker ist gegangen, doch seine Werke bleiben der Welt erhalten.

Silvia E. Baumann, Lou Avers

Silvia Baumann - Herzlich Willkommen auf meiner Profil-Seite! Seit 18 Jahren nimmt mich meine Leidenschaft - das Reisen - voll und ganz in Anspruch. Als ...

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