Zur Biologie der Regenwürmer, Aufnahme und Bestimmung der Arten

Wichtiges Werkzeug ist der Spaten - Foto: Gundula Klämt
Wichtiges Werkzeug ist der Spaten - Foto: Gundula Klämt
Wer wissen will, wie viele Regenwürmer und welche Lumbricidenarten sich in einem Boden tummeln, dem stehen bewährte Aufnahme-Methoden zur Verfügung.

Regenwürmer haben ein Vorne und Hinten mit Mund- und Afteröffnung. An jedem Körpersegment besitzen sie vier Paar – also acht – kurze steife Borsten. Lumbriciden sind Zwitter und legen ihre Eier in Kokons ab, wo sie sie meistens mit gespeicherten Spermien eines anderen Regenwurms befruchten. Je nach Art und Umweltbedingungen werden einheimische Exemplare ein bis acht Jahre alt. Unter einem Hektar Bodenfläche können über eine Million Regenwürmer leben; das entspricht 100 Individuen unter einem Quadratmeter und mehr.

Einordnung des Regenwurms in die Systematik

Der Regenwurm (Lumbricidae) gehört dem Wirbellosen-Stamm der Ringelwürmer (Annelida) und der Klasse der Gürtelwürmer (Clitellata) sowie der Ordnung der Wenigborster (Oligochaeta) an. Von den Regenwürmern sind deutschlandweit die sechs Gattungen Lumbricus, Allolobophora (synonym Aporrectodea), Dendrobaena (synonym Dendrodrilus), Octolasium, Eisenia und Eiseniellea mit insgesamt 39 Regenwurmarten bekannt. Weltweit kommen etwa 3000 Lumbricidenarten vor.

Aufnahme der Regenwurmpopulation im Gelände

Für Erhebungen der Abundanz (Individuenzahl), Biomasse und Aktivität der Lumbriciden bieten sich verschiedene Methoden an. Visuell lässt sich mit Hilfe einer Lupe einerseits die Bodenoberfläche auf Wurmlosung und damit auf die aktuelle Besiedlung des Gangsystems überprüfen. Andererseits kann die Menge an belebten und unbelebten Wurmröhren im Bodenprofil einer angelegten Schürfgrube unter Aufnahme des Makroporenanteils am Bodenvolumen bestimmt werden. Regenwurmpopulationen können bei Spatendiagnosen per Handauslese erfasst werden. Der Aushub erfolgt mit einem Stechrahmen 20 bis 30 Zentimeter tief. Da bei dieser Methode nur die Regenwürmer der obersten Bodenschicht erfasst werden, kann anschließend ein Austrieb der Regenwürmer aus unteren Horizonten auf der ausgestochenen Fläche vorgenommen werden. Hierzu wird mit einem Austreibungsmittel, wie etwa Senfpulver (200 Gramm auf 20 Liter Wasser für ein Viertel Quadratmeter) oder Formalin (10 Liter 0,2%ige Formalinlösung für einen halben Quadratmeter) eine Lösung angerührt und langsam im Versickerungstempo, ggf. mit Pausen in die Grube gegossen. Binnen 40 Minuten werden alle Regenwürmer in einen beschrifteten Behälter mit Humus darin eingesammelt, um sie später zu zählen, zu wiegen, auszumessen und die Artenanteile zu bestimmen. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen kann der Stichprobenumfang zehn je Beobachtungsfläche betragen. Zu berücksichtigen ist ferner die Witterung zum Aufnahmezeitpunkt, denn an sehr regnerischen Tagen kommen Regenwürmer gehäuft an die Bodenoberfläche.

Bestimmungsschlüssel für die Regenwurmgattung

Zur Feststellung der Gattung eines Regenwurms schaut man sich zuerst die Färbung der Körperoberfläche an. Zusammen mit der Stellung der Borsten kann folgende Zuordnung getroffen werden. Ein rot pigmentierter Rücken und weit gepaarte oder getrennte Borsten weisen auf die Gattung Dendrobaena hin. Sind die Borsten eng gestellt und hat der Regenwurm gelbe Furchen zwischen den Ringeln und sondert intensiv gelblichen Schleim ab, handelt es sich um Eisenia. Sind die Furchen hingegen nicht gelb und ist der Schleim farblos sowie das Schwanzende spatelförmig abgeplattet, weist das auf die Gattung Lumbricius hin. Andersfarbige oder unpigmentierte Regenwürmer, deren Borsten ebenfalls weit gepaart oder getrennt angeordnet sind, gehören der Gattung Octolasium an. Sind die Borsten eines eher olivgrünen Regenwurms in Gewässernähe eng gestellt und besitzt er am 13. Segment seinen männlichen Porus – eine drüsige Verdickung um die männliche Geschlechtsöffnung des zwittrigen Regenwurms – kann man davon ausgehen, dass es ein Regenwurm der Gattung Eiseniella ist. Befindet sich der männliche Porus hingegen am 15. Segment, ist es aller Wahrscheinlichkeit nach die Gattung Allolobophora.

Arten der Lumbriciden

Regenwurmarten sind zum Beispiel der zwischen drei und 13 Zentimeter lange Mist- und Kompostwurm (Eisenia foetida) mit einer besonders am Vorderende kräftig rötlichen Grundfarbe und gelblichen Ringen; der Köcherwurm (Dendrobaena rubida) ist ein vier bis sechs Zentimeter kleiner zarter Wurm mit gleichmäßig rötlicher Färbung, der vermehrt in Waldstreu, Kompost und Gartenböden vorkommt. Zum Schutz umgibt er seinen Körper mit einem „Köcher“ aus Erdpartikeln. In fast allen Böden kann der Große Ackerwurm (Octolasium lacteum) vorkommen. Er ist zwischen drei und 18 Zentimeter groß, kaum pigmentiert bis milchig blau oder gelb mit häufig gelblicher Hinterleibspitze und gelblichen Gürteln. Das vordere Ende kann rosagelblich erscheinen. Der fünf bis 16 Zentimeter lange Kleine Wiesenwurm (Allolobophora caliginosa) kommt kaum an die Oberfläche und baut flache Gangsysteme zwischen 30-50 Zentimeter Tiefe. Entweder ist er kaum pigmentiert oder hellgrau bis gelblich oder trägt gelbliche Flecken. Sein Vorderteil kann rosa sein. Der Tauwurm oder Gemeine Regenwurm (Lumbricus terrestris) gilt als der Tiefgräber unter den Regenwurmarten. Er ist rotbraun, wobei die Färbung nach hinten heller bis durchscheinend wird. Das hintere Ende ist zudem abgeplattet. Die zwischen neun bis zu 30 Zentimeter langen adulten Tauwürmer besitzen kräftige Ring- und Längsmuskulaturen sowie ausgeprägte Gürtel und hinterlassen nährstoffreichen Kot und mehrere Meter tiefe Röhren.

Klassifizierung nach Lebensraum und Lebensweise:

epigäisch, endogäisch, anezisch - Auflage, 30-50 Zentimeter, bis 3 Meter tief

Nach ihrer Lebensform werden drei Gruppen unterschieden: Zum epigäischen Regenwurmtyp zählen zwei bis 15 Zentimeter lange, rotbraune Bewohner und Streu-Zersetzer der Humusauflagen in Wäldern, auf Grünland und in Gärten, wie etwa der Braune und der etwas größere Rote Laubfresser (Lumbricus castaneus bzw. rubellus) oder der Stubbenwurm (Dendrobaena octaedra). Endogäische Regenwürmer leben in flachen, horizontalen Gängen in den oberen 30 bis 50 Zentimetern von humosen Mineralböden der Äcker und Wälder sowie des Grünlandes; sie sind drei bis 16 Zentimeter lang und gräulich gefärbt oder unpigmentiert. Zum endogäischen Typ gehören der Kleine Wiesenwurm (Allolobophora caliginosa), Kleine Ackerwurm (Allolobophora chlorotica) und Bläuliche Regenwurm (Octolasion cyaneum). Dem anezischen (auch anözischen oder anecischen) Typ werden die vertikal-bohrenden Tiefgräber mit Wohnröhren und Gangsystemen bis in drei Meter Tiefe zugeordnet. Sie kommen in Böden unter Landnutzungen als Acker, Grünland und Wald mit Mullhumus vor. Beispiele für den anözischen Typ sind der Gemeine Regenwurm bzw. Tauwurm (Lumbricus terrestris) und der Große Wiesenwurm (Aporrectodea longa). Nur zur Nahrungsaufnahme kommen sie an die Bodenoberfläche.

Noch ein Hinweis zur Artbestimmung: Zum Verwechseln ähnlich sind Echyträen!

Leicht mit jungen Regenwürmern zu verwechseln sind ebenfalls aus dem Stamm der Ringelwürmer die Enchyträen (auch Enchytraeiden) von bodenbiologischem Interesse. Die Enchyträen sind nur zwei bis drei Zentimeter kleine weißliche Borstenwürmer, die bevorzugt und in großer Zahl in der frisch mit Stallmist gedüngten Ackerkrume - den obersten 10 Zentimetern des Bodens – und auch in nährstoffreichen Grünland-Böden vertreten sein können.

Weiterführende Literatur

"dreck" von David R. Montgomery

Bodenkundliche Kartieranleitung der Ad-hoc-AG Boden, Hannover 2005

Gundula Klaemt - Liebe Leserinnen und Leser, als universitärer Master of Science (M.Sc., früher Dipl.-Ing.) in "Umweltschutz" interessieren ...

rss