
- Teil des Buchcovers ISBN 3-926893-06-0 - Metropol Verlag, Joachim S. Hohmann 1995
Feindbilder sind in Deutschland nach Ansicht des Sozialwissenschaftlers Prof. Hohmann bedrückende Realität. Das von ihm 1995 erschienene Buch thematisiert die Entstehung und Wirkungsweise von Vorurteilen. Es werden auf 126 Seiten grundlegende Informationen zur Erörterung von deutschen Feindbildern in Geschichte und Gegenwart geboten. Das Buch im Taschenbuchformat wurde vom Autor als Sammlung von Arbeitsmaterialien für Schule, Studium und Erwachsenenbildung gekennzeichnet.
Thematisierung der Feindbilder in Deutschland
Einführend betont der Autor, wie massiv verbreitet Feindbilder sind. Er zählt dazu bekannte Vorurteile gegen Angehörige von Minderheiten und Randgruppen. Auch die gruppendynamische Voreingenommenheit gegen Fremde und Andersartige. Feindbilder seien nicht nur eine Erscheinung in radikalen Gruppen. Auch die soziale Integration, Begabung und Privilegierung scheine zunehmend radikale Vorurteile und autoritäre Feindbilder zu produzieren. Selbstgerechtes Elite-Denken und abgrenzendes Gedankengut wäre durchaus gesellschaftlich verbreitet. Mit den Arbeitsmaterialien beabsichtigte Prof. Hohmann Unterrichtsreihen anzuregen, die sich kritisch mit gegenwärtigen und früheren Feindbildern in Deutschland auseinandersetzen. Als Ziel formulierte er die Möglichkeit für Leser, sich konstruktiv mit dem Thema zu beschäftigen. Sie könnten so erkennen, dass in Feindbildern intellektuelle Schwäche zum Ausdruck kommt. Feindbilder wären ein Anzeichen für engstirnige Intoleranz. Solch unbegründeter Hass führt zur Unterwerfung unter fremde Autoritäten, die schuldlos Menschen zu Opfern werden lässt.
Die Funktion von Feindbildern
In den Texten werden bekannte Feindbilder seit Entstehung frühmittelalterlicher Epochen erläutert. Wurden die Zeiten schwieriger, entstanden politische Unruhen, Versorgungsengpässe oder Seuchen, nahmen gleichzeitig Vorurteile zu. Sie entluden sich in Verfolgungen und Pogromen. Die zunehmenden Feindbilder in Krisen lenkten wirksam von ursächlichen Problemen ab. Parteiliche Intoleranz, einseitige Befangenheit und verblendete Subjektivität würde die durch Krisensituationen entstehende Frustration und Aggression geschickt gegen vermeintliche Feinde lenken. Ursache und Wirkung wären verschleiert und verdreht. Ablenkungsmanöver von tatsächlichen Problemen durch Feindbilder besitzen wichtige Funktionen. Sie dienen in politischen und ökonomischen Krisen der Schuldverschiebung. Feindbilder wirken wie Sündenböcke oder Blitzableiter. Der Wahrheitsgehalt ist unwichtig. Unbewiesene Behauptungen und pseudowissenschaftliche Argumentationen reichten zumeist hinreichend aus. Vorurteile und Feindbilder dienen demnach dem Einzelnen, der Gesellschaft und den wirtschaftlichen und politischen Führungskräften, um Einfluss zu erhalten und Systeme zu stabilisieren.
Merkmale der Verwendung von Feindbildern
Grundlegendes Merkmal der Verwendung von Feindbildern sei ein über das gewöhnliche Maß hinaus gehendes Misstrauen gegen Fremdes und Unbekanntes. Der Autor nennt unbegründete Schuldzuschreibung, negative Erwartungshaltung, unrealistische Wahrnehmung, Angst und destruktive Impulse als auslösende Faktoren. Feindbilder werden nicht gleichförmig aufgebaut und verwendet. Die Verwendung besitzt ein breites Spektrum. Von großangelegten Schmähungen und Übertreibungen bis zu sehr subtilen Andeutungen. Feindbilder würden oft suggestiv verwendet werden. So beeinflussen sie die Gefühle, Gedanken und das Handeln gegenüber der Opfergruppe intensiv, wenn sie nicht kritisch wahrgenommen werden. Durch gruppendynamische Prozesse wird aus befremdlicher Irritation schnell gefährliches Handeln. Zielgruppe, Entstehungszeitpunkt sowie die politischen und gesellschaftlichen Umstände spielen für die Verwendung eine wichtige Rolle. Im Arbeitsbuch finden sich vorwiegend Texte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, an denen sich historische Feindbilder nachvollziehen lassen, die teils bis in die Gegenwart in abgeschwächter Form erhalten blieben.
Feindbilder und ihre nationale Färbung
Nach Erkenntnissen des Autors würden die Feindbilder der Deutschen nur sehr entfernt typisch deutsch sein. Vorurteile, aus denen sie entstanden, hätten europäische Züge. Je weiter man die deutsche Geschichte zurückdenken würde, um so mehr wäre deutlich, wie wenig Vorbehalte etwa gegen Juden, “Zigeuner“, Obdachlose, Homosexuelle, Körperbehinderte, geistig oder psychisch Kranke, emanzipierte Frauen, dunkelhäutige oder exotische Menschen nur eine rein deutsche Situation wären. Feindbilder der Deutschen wären Feindbilder Europas, der Hellhäutigen, des Abendlandes. Sie besitzen jedoch eine deutsche Färbung. Unterschiede zu europäischen Nachbarn wären erkennbar.
In den Texten des Arbeitsbuches bemüht sich der Autor, Herkunft und Wirkungsweise von Vorurteilen und Feindbildern in Deutschland darzustellen. Dabei wird auf die jeweilige Menschengruppe eingegangen, die ungerechter Verfolgung ausgesetzt waren und sind. Strukturiert in fünf Teilen, thematisiert das Buch das Feindbild des “Negers”, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, Angst vor der Demokratie, die Emanzipation der Frauen sowie das Anderssein. Historische Texte sind mit didaktischen Materialien, Fragen und Erörterungen vervollständigt. Der Aufbau des Buches ist übersichtlich und strukturiert. Obwohl das Erscheinungsdatum schon 16 Jahre zurückliegt, bietet das Arbeitsbuch wertvolle Information, um sich kritisch mit deutschen Feindbildern zu beschäftigen.
Zum Buch: “Ihr Charakter ist ein Inbegriff von Schlechtigkeit und Leichtsinn”, Zur Geschichte von Feindbildern in Deutschland, Arbeitsmaterial für Schule, Studium und Erwachsenenbildung, Joachim S.Hohmann, 1995, Berlin, Metropol Verlag, 126 Seiten, ISBN 3-926893-06-0
Bildquelle: Teilansicht der Vorderseite des Buchcovers vom Metropol Verlag 1995
