Zur Sommerfrische nach Sylt - Wo die Avantgarde einst baden ging

Zur Sommerfrische nach Sylt - edition ebersbach
Zur Sommerfrische nach Sylt - edition ebersbach
Beste Reiselektüre für den Urlaub auf der Nordseeinsel Sylt: Kristina von Soden erinnert an prominente Gäste des 20. Jahrhunderts im "Künstlerdorf" Kampen.

Die Quadratmeterpreis für Immobilien in Kampen auf der nordfriesischen Insel Sylt bewegen sich um 20.000 Euro - in Deutschland vermutlich der Spitzensatz für Wohnraum. Auch dies hat dazu beigetragen, der idyllischen Insel Sylt den Ruf als teuerste deutsche Luxusherberge zu verpassen. Dabei war Kampen noch vor hundert Jahren ein verschlafenes Nest, obwohl die ersten Maler und Schriftsteller bereits 50 Jahre zuvor die Idylle Sylt für sich entdeckt hatten, zum Beispiel Wilhelm von Kügelgen (1862), Wilhelm Raabe (1867), Christian Morgenstern (1895).

Max Beckmann und Rosa Luxemburg

Von der Jahrhundertwende an beziehen immer mehr Künstler ein Sommerquartier auf Sylt. Max Beckmann findet 1902 bereits den "bunt wimmelnden Badebetrieb mit Dünenhalle, Logierhäusern, Strandhotels, Pavillons ziemlich ätzend". 1901 wird sogar Rosa Luyemburg am Strand des Roten Kliffs gesichtet. Allerdings steigt sie nicht "im Intellektuellennest Kampen" ab, "auch nicht in Westerland, wo die Spitzen aus Finanzoligarchie, Militär und Aristokratie in den Sandburgen schwitzen, sondern im 'Hotel Nordsee' in Wenningstedt. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!"

Ein eigenes Friesenhaus in Kampen auf Sylt

All dies kann man in einem Buch der Hamburger Journalistin Kristina von Soden (alle Zitate) nachlesen, die heute in Wiesbaden lebt, aber seit ihrer Kindheit fast alle Sommerferien an der nordfriesischen Küste verbringt. Ihr handliches, bibliophil gestaltetes Bändchen mit Zeichnungen von Meerestieren und Pflanzen sowie schlichten fotografischen Schwarz-weiß-Impressionen, widmet sich den Künstlern und Literaten, die eine besondere Beziehung zur Insel hatten und sich dort mit eigenen Häusern ein Sommer-Domizil schufen.

Naturschützer für die Insel Sylt seit 1913 aktiv

1911 boomt Sylt, die Gästezahlen bewegen sich im fünfstelligen Bereich. Schon 1913 gibt es Anlass zum Klagen, Ferdinand Avenarius publiziert in diesem Jahr einen Aufruf "Schutz für Sylt" und setzt sich für die Erhaltung "des größten Dünengebietes Deutschlands" ein. Zehn Jahre später gründet Avenarius zusammen mit dem Arzt Knud Ahlborn und dem Pastor, Aktfotografen und Maler Magnus Weidemann den Verein "Naturschutz Insel Sylt". Schon bald werden die Lister Dünen bis hoch zum wind- und brandungsumtosten Ellenbogen und auch das Morsumkliff unter Naturschutz gestellt - ein Erfolg, der sich bis in die heutigen Tage als glorreich erwiesen hat und den Bauboom auf andere Teile der Insel, vor allem Westerland und Wenningstedt lenkte.

Ferdinand Avenarius baute in Kampen auf der Wattseite

Apropos Ferdinand Avenarius: Er war Herausgeber des Magazins "Der Kunstwart" und baute 1903 in Kampen, dass zu dem Zeitpunkt noch nicht den späteren Beinamne "Künstlerdorf" trug, ein ziemlich verrücktes, architektonisch wild komponiertes Haus auf der Wattseite. Dieses Haus Uhlenkamp spielt eine bedeutende Rolle für die sommerliche Künstlerkolonie Sylt. Es entwickelte sich "zum Szenetreff für Maler, Musiker, Lebensreformer, Literaten, Kulturschaffende unterschiedlichster Couleur."

Knud Ahlborn gründete das Jugend- und Ferienlager Klappholttal

Knud Ahlborn wiederum kaufte 1919 das an der Westseite zwischen Kampen und List gelegene ehemalige Marinelager und gründete dort das Freideutsche Jugendlager Klappholttal, bis heute eine alternativ-exklusive Erholungsstätte für Feriengäste, die in bescheidenen und winzigen Hütten zwischen den Dünen wohnen, den Privatstrand genießen und nebenbei Workshops, Vorträge, Qigong-Kurse und Konzerte der Akademie am Meer Klappholttal besuchen. Es handelt sich dabei um die älteste Volkshochschule Schleswig-Holsteins. Heutzutage sind dort im Sommer ebenfalls - oft von der Öffentlichkeit unbemerkt - viele bekannte oder gar prominente deutsche Denker, Maler, Schriftsteller, Musiker und andere Gegenwartsintellektuelle anzutreffen. Es muss nicht immer Provence , Rom oder Toskana sein, auch im 21. Jahrhundert kann man in die "Sommerfrische nach Sylt" ziehen.

Die Briefe von Siegfried Jacobsohn an Kurt Tucholsky

Die meisten Künstler und Literaten reisten aus Berlin an. Der Sylter Dauergast Siegfried Jacobsohn (seit 1909) leitet schließlich sogar von hier aus seine bedeutende Berliner Theaterzeitung "Die Schaubühne" (später "Die Weltbühne") - wohlgemerkt in internet-, mail- und faxlosen Zeiten, in denen man sich auf die Reichspost, gelegentliche Telefonate und Telegramme verlassen musste. Mit die interessantesten Passagen des anekdotischen Buches von Kristina von Soden sind die Briefzitate aus Jacobsohns Korrespondenz mit dem damals wegen seiner spitzen Feder gefürchteten Dichter, Journalisten und Schriftsteller Kurt Tucholsky.

Emil Nolde, Marlene Dietrich, Gret Palucca, Peter Suhrkamp, Carl Zuckmayer, Max Frisch

Ausführlich berichtet die Autorin natürlich über das legendäre "Haus Kliffende", die Künstlerpension von Klara Tiedemann, in der in den Zwanziger Jahren Verleger Enst Rowohlt, Maler Emil Nolde, Dirigent Erich Kleiber, auch der spätere Literaturnobelpreisträger Thomas Mann abstiegen. Dirigent Otto Klemperer, Schauspielerin Marlene Dietrich und die berühmte Ballettdiva Gret Palucca, die gern nackt am Strand und zwischen den Dünen tanzte, wiederum wohnten im "Ziegenstall". Verleger Peter Suhrkamp empfing in seinem Friesenhaus, das Ehefrau Annemarie Seidel genannt "Mirl" (Schwester der Schriftstellerin Ina Seidel) mit in die Ehe gebracht hatte (diese hatte es aus ihrer ersten Ehe behalten), Autorenberühmtheiten wie Carl Zuckmayer und Max Frisch. Von diesem stammt das Bonmot: "Man badet hier ohne alles, und das ist herrlich."

Empfohlene Reiselektüre für Sylt

Das Sylter Name-Dropping ließe sich länger fortsetzen. Am besten, man liest es selbst nach. Kristina von Soden gelang ein wunderbares Buch, das sich vorzüglich als Reiselektüre für den nächsten Nordfrieslandurlaub eignet - während der Sommerfrische auf Sylt.

Kristine von Soden: Zur Sommerfrische nach Sylt. Wo die Avantgarde baden ging. Mit 25 Abbildungen. edition ebersbach 2008. Gebunden. 126 Seiten. 15,84 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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