
- Abschluss-Gottesdienst in München - Jan Thomas Otte
Theologen suchen die Komplexität der Ökumene, untersuchen Themen wie “Potentiale konfessioneller Differenzierung”. Was verbindet, was trennt? Die Basis der beiden großen Kirchen Deutschlands, rund 50 Millionen Menschen, schüttelt häufiger den Kopf. Viele Prälaten, Präsidenten und Bischöfe würden die Ökumene gerne auf Betriebstemperatur bringen. An vielen Stellen bleibt sie aber unterkühlt.
Denn ehrlicher ist, dem Gegenüber respektvoll zu begegnen. Eine verkrampfte, verordnete Ökumene in München ist ebenso unsinnig wie die “Rückkehr-Ökumene” nach Rom. Die Wortbedeutungen zeigen es. Katholisch heißt auf Altgriechisch “allumfassend”, der eine Leib Christi. Evangelisch ist die “fröhliche Botschaft”. Orthodox ist der “aufrichtige Glaube”. Aller guten Dinge sind eben drei, gehören unweigerlich zusammen. Nicht nur bei der Trinität.
Popstars in den Charts, auf dem Kirchentag ebenso
Besucher vermissten eigentlich wenig, waren rundum zufrieden. Friede, Freude, Hoffnung. Und das trotz einer Woche Dauerregen. Die Jugend rannte auf die großen Konzerte im Freien, vor allem die Wise Guys und Christina Stürmer seien genial gewesen – obwohl keine christliche Band. 1000 Jugendliche feierten dagegen einen Taizé-Gottesdienst, vor den überfüllten Hallen. Jeder dritte Teilnehmer des ÖKT war jünger als 29.
Die Älteren nahmen statt Regenschirm lieber ihr Notizbuch in die Hand. Sie begeisterten sich für die Podiumsdiskussionen, Veranstaltungen wie “Arbeit – Made in Paradise” mit dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger. Oder “Sozial egal? Warum wir uns den Luxus Soziale Gerechtigkeit leisten müssen” mit Drogerie-Gründer Götz Werner. Dabei beleuchteten die Besucher nicht nur die Perspektive von Hartz4-Empfängern. Auch Manager stellten sich dem kritischen Publikum in der Veranstaltung “Was Kirche in der Wirtschaft zu suchen hat”.
Veranstalter waren ebenso zufrieden, reizarm für die Journalisten. Die Ökumene sei jetzt “wetterfest”, habe ein neues Gesicht bekommen, sagte Katholik Alois Glück. Protestant Eckard Nagel betonte: “Zum Abendmahl lädt nicht die Kirche, sondern Christus selbst”. Ansonsten konzentrierte man sich auf das, was manche Atheisten und Andersgläubige ebenso praktizieren: Ehrfurcht vor dem Leben.
Einsatz für den Frieden, christliche Nächstenliebe
Und das Fazit? Vor allem auf der Bühne von Diakonie und Caritas am Marienhof ging es den Christen rund um den Menschen und die Nächstenliebe. Von Abtreibung über Stammzellenforschung bis Sterbehilfe. Christlicher Glaube lässt sich nicht hinter Klostermauern einsperren. Das gemeinsame Leben findet meist abseits der geplanten, wohl temperierten Podien statt. Oft außerhalb des Gottesdienstes. Nächstenliebe geht uns aber alle an.
Präses Nikolaus Schneider formulierte es politisch: “Die Hungernden sollen gesättigt werden – aber ohne dass wir Reichen dafür hungern. Die Schwachen sollen mitreden − aber ohne dass wir Starken den Mund halten.” Erzbischof Robert Zollitsch gab sich andächtiger:“Oft gibt es Helfer und Retter in der Not. Gott sei Dank!” Wem schon mal geholfen worden sei, kenne die Not und das Glück dieses Momentes: “Not, Enge und Angst sind überwunden.”
Wunder, Musik und Theologie
Christen träumen nicht von einer 180-Grad-Wendung, aber vom Frieden, vielen kleinen Taten.”Ich lobe meinen Gott, der mich aus der Tiefe holt”, sangen die Gläubigen, unterstützt von Trompetenschall und Posaunenchor. Dogmatisch fundiert gesehen hat der ÖKT wenig bewirkt. Das war kein Wunder für die Ökumene, denn “wir führen hier keine theologischen Verhandlungen”, postulierten die beiden gastgebenden Bischöfe Marx und Friedrich bereits fünf Tage zuvor auf der Pressekonferenz. Dafür gab es eine Megashow des christlichen Glaubens. Mit dem Kreuz Jesu in der Mitte und Maria als Vorbild.
