
- Michaela Schafft und Jörg Neugebauer - Elvira Lauscher
Wie schon beim ersten Literatursalon in der Kunstzone wollten Jörg Neugebauer und Michaela Schafft nicht nur biografische Eckdaten zu einem Literaten liefern, sondern auch in sein Werk und die ihm eigene Atmosphäre einführen. So lasen sie beim ersten Abend nicht nur Texte von Heinrich von Kleist, sondern auch Texte über ihn. Auch bei Pessoa, dem portugiesischen Dichter, wurde auf die Auswahl der Schriften ein besonderes Augenmerk gerichtet. Der 1888 in Lissabon geborene Portugiese schrieb unter verschiedenen Heteronymen. Das sind keine bloßen Pseudonyme, sondern Teilpersönlichkeiten des Dichters, die „aus ihm geboren wurden“, wie Pessoa selbst dazu sagte.
Humorvolle Moderation zwischen den Texten von Pessoa
„Ah wie erfrischend wirkt eine versäumte Verpflichtung! / Ein Versäumnis versetzt uns unter freien Himmel!“ Mit diesem Text von Álvaro de Campus, eröffnete Jörg Neugebauer den Abend und fand eine humorvolle Begrüßung für das trotz des herbstlichen, kühlen Wetters zahlreich erschienene Publikum. Er stellte die verschiedenen Dichterpersönlichkeiten Pessoas vor, die er mit ganz eigenen unterschiedlichen Biografien geschaffen hatte. Der bereits erwähnte Álvaro de Campus bezeichnete sich als Schüler von Alberto Caeiro, dem Meister, wie er ihn nannte. Álvaro de Campus, geboren in der Algarve, hat in Glasgow Schiffsbau studiert und ließ sich in Lissabon nieder. Alberto Caeiro selbst wurde in Lissabon geboren und verstarb mit nur 26 Jahren an Tuberkulose. Ricardo Reis war Arzt und überzeugter Monarchist. Bernardo Soares, einen Hilfsbuchhalter, ließ er eher prosaische Texte erschaffen. Alle vier Heteronyme kamen beim zweiten Literatursalon „zu Wort“, abwechselnd von Michaela Schafft und Jörg Neugebauer gelesen.
Musik, Informatives und Literatur im harmonischen Wechsel
Ganz nach dem Vorbild der vierzehntägig ausgestrahlten Radiosendung „Klassisch modern“ auf Free FM, für die sich Jörg Neugebauer in Text- und Musikauswahl verantwortlich zeigt, wurde auch an diesem Abend wieder auf eine interessante Mischung von Musik und Text gesetzt. Die Musik gab Raum für Gespräche zwischen den Texten oder auch das innere Nacharbeiten der Gedichte, die oft durch ihre scheinbare Einfachheit Platz für eigene Interpretationen und Gedanken lassen. „Der Mondschein in hohen Zweigen, / Sagen die Dichter alle, sei mehr / Als der Mondschein in hohen Zweigen. // Für mich aber, der sich nicht vorstellen kann, / Was der Mondschein in hohen Zweigen / Anders sein könnte / Als der Mondschein in hohen Zweigen, / Ist er nicht mehr / Als der Mondschein in hohen Zweigen.“ Dieses Gedicht von Alberto Caeiro zeigt ebenso wie das Gedicht „Jetzt, da ich Liebe empfinde,“ die Kraft der schlichten Sprache und die Sprachmelodie in der Komposition.
Zu Lebzeiten sind nur wenige Werke Pessoas erschienen
Und trotz den zeitlosen Gedichten und Texten des Portugiesen sind zu Lebzeiten nur wenige davon veröffentlicht worden und er verstarb mit 47 Jahren, ohne zu ahnen, welche wichtige Position er in der heutigen portugiesischen Literatur einnimmt. „Das Buch der Unruhe“, geschrieben von Bernardo Soares, gilt heute als sein wichtiges prosaisches Werk und Jörg Neugebauer präsentierte eine Lesepassage aus dem Buch, das erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod erschienen war.
Das Werk Pessoas macht neugierig
Auch der zweite Literatursalon am 20. Juli 2011 war ein inspirierendes Erlebnis für Menschen, die Literatur und sinnliche Erlebnisse lieben. In der aktuellen Ausstellung des Neu-Ulmer Künstlers Herbert Mack und seinen oft grafischen Kunstwerken, die harmonischen Stimmen der beiden Vortragenden, die der Literatur Pessoas mit der nötigen Ernsthaftigkeit doch ohne Pathos Raum gaben. Bei einem Glas portugiesischen Weißwein „Vinha Do Foral“ konnte man sich ganz in die Worte und die Musik fallen lassen. Wer Pessoa noch nicht kannte, wird nach diesem Abend sicherlich wieder etwas von ihm lesen. Der nächste Literatursalon findet am 14. September 2011 in der Kunstzone statt.
