
- Ein Zwerg an seinem Lieblingsplatz - Volker Wollny
Anders als bei den Orks lässt sich bei den Zwergen das Bild, das die moderne Fantasy-Literatur von ihnen zeichnet, eindeutig auf ein einzelnes mythologisches Vorbild zurückführen. Orks im eigentlichen Sinne treten erst bei Tolkien als seine eigene Schöpfung auf, während er seine Zwerge durchaus zu einem erheblichen Teil nach dem Vorbild aus der nordischen Mythologie gestaltete.
Tolkiens Zwerge
Genau genommen spielen die Zwerge im „Herrn der Ringe“ gar keine besonders große Rolle. Sie werden zwar als maßgebliche Rasse von Mittelerde im einleitenden Gedicht genannt („Sieben den Zwergenkönigen in ihren Hallen aus Stein“), doch zählt zu den Gefährten nur ein einziger aus ihren Reihen. Anders im „Kleinen Hobbit“, wo die Zwerge, neben dem Hobbit Bilbo natürlich, die Hauptakteure darstellen. Trotzdem verrät der Ringe-Zyklus – vor allem auch im Zusammenhang mit der Durchquerung von Moria – ebenfalls einiges über die Zwerge und ihre Kultur, so dass man insgesamt durchaus von „Tolkiens Zwergen“ im Sinne eines wesentlichen Elementes von Mittelerde sprechen kann.
Oder anders ausgedrückt: Man weiß aus Tolkiens Büchern recht genau, wie man sich die Zwerge von Mittelerde vorstellen darf. Wie es sich für Zwerge gehört, sind sie deutlich kleiner als Menschen, gedrungen und sicherlich auch mit enormen Körperkräften ausgestattet, halten eine Menge aus und haben Spaß an einem guten Kampf. Sie leben in ihren sagenhaften unterirdischen Hallen und haben ein Händchen für alles, was mit Metallgewinnung und -bearbeitung zu tun hat. Von ihrer Wesensart her sind sie zwar äußerlich brummig, aber durchaus ehrenhaft, verlässlich und im tiefsten Innern sogar gutmütig.
Zwerge in der Mythologie und im Märchen
Es ist deutlich zu erkennen, dass Tolkiens Zwerge zumindest äußerlich stark an die Zwerge der nordischen Mythologie und der Märchen angelehnt sind. Allerdings hatten sie dort auch bereits eine gewisse Entwicklung durchgemacht. In den allerältesten Quellen ist weder die Rede davon, dass Zwerge klein wären, noch kann man sie scharf von den Elfen, Elben oder Alben trennen.
Erst später entwickeln sie sich zu kleinwüchsigen, hässlichen Wesen mit großen Nasen und schmutzigbrauner Hautfarbe, welche aber sehr weise sind. Auch die Vorliebe für Metalle, besonders für edle, und das Geschick in ihrer Gewinnung und im Umgang mit ihnen wird den Zwergen in Quellen wie der Edda zugeschrieben. Sagenhaft sind besonders ihre Waffen. Offenbar musste man in der Welt der germanischen Götter unbedingt mindestens eine Waffe oder einen sonstigen Gegenstand aus zwergischer Fertigung haben, wenn man dazu gehören wollte. Odins Speer, Thors Hammer und sogar Freyrs Schiff stammte von ihnen. Von Freyas Halsband weiß man sogar, wie sie es von einem gewissen Zwerg bekommen hat: auf die gleiche Weise, wie manche Frauen auch heute noch an derartige Gegenstände kommen.
Auch in den Märchen späterer Zeiten blieben sich die Zwerge treu: Schneewittchens Sieben Zwerge etwa wohnen zwar oberirdisch in einem netten Häuschen, gehen aber, wie es sich gehört, unter Tage ihrer Arbeit nach. Man bekommt in dieser Geschichte übrigens auch eine Vorstellung von der Körpergröße der Zwerge: Sie waren zwar ganz offensichtlich deutlich kleiner als Schneewittchen, denn ihre Betten waren der Prinzessin zu kurz. So klein wie Gartenzwerge können sie aber auch nicht gewesen sein, denn sonst hätte Schneewittchen ja gar nicht in ihr Haus gepasst. Gartenzwerge sind, nebenbei gesagt, nämlich auch gar keine Zwerge, sondern Heinzelmännchen.
Moderne Fantasy-Zwerge
Auf Tolkiens Zwergen bauen die modernen Zwergenrassen auf, die allenthalben die Fantasy-Welten von Abeir-Toril und Azeroth über Dere und Krynn bis zu der Welt der Zerrissenen Reiche bevölkern. Bärbeißigkeit, Kurzbeinigkeit, Wehrhaftigkeit, Ehrgefühl und hinter der rauen Schale und ihrer Sturheit versteckte Gutmütigkeit gehören auch heute noch unbedingt zu einem zünftigen Zwerg. Diese Wesensart war jedoch vor Tolkien keineswegs Standard, früher konnten Zwerge mitunter auch recht bösartig sein, man denke nur einmal an das kleine Ekelpaket aus "Schneeweißchen und Rosenrot".
Teilweise haben die kurzbeinigen Krieger ihre Schmiedekunst zu profunder Maschinenbaukunst erheblich weiterentwickelt, bauen jetzt sogar Schusswaffen und Dampfmaschinen. Sehr typisch für moderne Zwerge ist auch der ausgeprägte Hang zu gutem Bier, das sie in großen Mengen vertragen können und das ihnen offenbar nicht oder nur in seltenen Fällen schadet. Auch eine gewisse Skurrilität gehört zu den Zwergen der aktuellen Fantasy-Welten, die meist wesentlich stärker ausgeprägt ist, als zu Tolkiens Zeiten. Die passt auch recht gut mit den Steampunk-Elementen zusammen, die man bei den Zwergen heutzutage immer wieder einmal finden kann. Insgesamt kann man aber durchaus sagen, dass das typisch Zwergische über die ganze Geschichte dieser Fantasy-Rasse erhalten geblieben ist und sogar die „Zwerge von Amboss“ durchaus als Nachfahren der Edda-Zwerge durchgehen könnten.
Bücher, in denen Zwerge vorkommen (Auswahl, bei Zyklen ist jeweils nur der erste Band genannt):
- John Ronald Reuel Tolkien: Der Herr der Ringe – Die Gefährten, Klett-Cotta 2001
- R.A. Salvatore: Die vergessenen Welten – Der gesprungene Kristall, Goldmann 1991
- Markus Heitz – Die Zwerge, Piper 2004 – Interview mit Markus Heitz
- Thomas Plischke – Die Zwerge von Amboss, Piper 2008 – Besprechung
