Hexen und Zauberer. Riesen und Zwerge. Nixen und Feen: Fantastische Gestalten gehören zu den spannendsten und zugleich widersprüchlichsten Figuren im Märchen. Sie können dem Menschen nutzen, aber auch schaden, ihn schützen oder gar bedrohen – wie der Zwerg Rumpelstilzchen im gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm. Das "kleine Männchen" (Grimm) hilft einer armen Müllerstochter dreimal, aus Stroh Gold zu spinnen, weil ihr Vater mit dieser Kunst vor dem geldgierigen König geprahlt hat.

Für seine Hilfe verlangt Rumpelstilzchen jeweils einen Lohn von der Müllerstochter: ein Halsband, einen Ring und in der letzten Nacht das Versprechen: "(...) wenn du Königin wirst, dein erstes Kind". Doch die Helferfigur wird zum Gegenspieler, als der Kobold nach einem Jahr das Kind fordert. Ein letztes Mal kommt Rumpelstilzchen der Ex-Müllerstochter entgegen: Wenn die Königin seinen Namen errät, darf sie ihr Kind behalten. Letztlich findet sie diesen heraus und das Männchen reißt sich aus Wut darüber "selbst mitten entzwei".

Mehr als 6-mal wird "Rumpelstilzchen" verfilmt

Die Frage, weshalb Rumpelstilzchen als Lohn für seine Hilfe ein Kind fordert, bleibt im Märchen unbeantwortet – ein "blindes Motiv" (Lüthi), das für die Grimmschen Vorlagen allerdings nicht ungewöhnlich ist. Als das Märchen für den Film adaptiert wird – auch "wegen seiner klaren und dramatischen Szenen, (…) gut durchdachten Komposition und seiner äußerst kunstvollen Bauweise" (Röhrich) – rücken Rumpelstilzchens fehlendes Motiv und auch sein grausames Ende in den Mittelpunkt der filmischen Übersetzung.

Hat sich bereits das Grimmsche Märchen im Vergleich zur ersten Fassung von 1810 inhaltlich stark verändert – in der Urfassung fehlen zum Beispiel ein prahlerischer Müller und ein geldgieriger König – so ist auch in den Adaptionen der Mut zur Veränderung erkennbar. Und das vor allem in der Motiv-Frage des Titelhelden Rumpelstilzchen. Seit 1940 wird das Märchen der Brüder Grimm mehr als sechsmal in Deutschland mit Schauspielern verfilmt und zählt damit zu den meist adaptierten Grimm-Stücken überhaupt.

Rumpelstilzchen als Edelmännchen im NS-Kino

Rumpelstilzchens widersprüchlicher Charakter bietet Drehbuchautoren geradezu eine kreative Steilvorlage, das Märchen anders zu deuten, eigene Schwerpunkte zu setzen, Figuren gegen den Strich zu charakterisieren – und diese Chancen werden auch genutzt. Als die Geschichte 1940 von Alf Zengerling erstmals als Tonfilm für das NS-Kino adaptiert wird, ist es gerade die bildliche und charakterliche Zeichnung des übernatürlichen Helfers, die vollkommen neue Wege geht und sich überraschend deutlich von der Vorlage entfernt:

Ein singendes weißbärtiges Edelmännchen (Paul Walker), das ein glänzendes Kostüm und eine Kappe aus feinstem Stoff trägt, hilft zwar der Müllerstochter Grete (Trude Häfelin) und fordert auch ihr Kind. Doch das grausame Ende – Rumpelstilzchens Tod – bleibt aus. Vielmehr wird das Augenmerk auf die vorbildliche Mutterliebe der Königin gelenkt, die ihr Kind unter allen Umständen behalten möchte und den Namen errät. Mit den lobenden Worten "Du musst eine gute Mutter sein!" entfernt sich Rumpelstilzchen höflich und diskret, ohne dass es sich selbst tötet.

Einsames Waldmännlein im BRD-Märchenfilm

Weil aber das Märchen auch böse Charaktere braucht, wird in das Figurenensemble ein geldgieriger Schatzkanzler (Kurt Lauermann) neu aufgenommen, der alle negativen Eigenschaften auf sich vereint – und von Rumpelstilzchen am Ende in einen Esel verwandelt wird. So wird das noch bei den Grimms dämonische böse Wesen im Märchenfilm plötzlich zur übergeordneten positiven Instanz, welche die Guten unterstützt (Müllerstochter bzw. Königin) und die Bösen bestraft (Schatzkanzler).

Einer ähnlichen Dramaturgie bedienen sich auch zwei Adaptionen, die nach 1945 im geteilten Deutschland entstehen: Im BRD-Märchenfilm "Rumpelstilzchen" (1955, R: Herbert B. Fredersdorf) wird der Titelheld zum bemitleidenswerten Waldmännlein (Werner Krüger), der zwar "Herr des Waldes und Gebieter über Bäume und Tiere ist" (O-Ton) und der Müllerstochter Marie (Liane Croon) hilft, aber offenbar einsam ist und sich "nach einem Kinderlachen" sehnt. Für das Baby gibt er extra einen großen Weidenkorb in Auftrag.

DDR-Rumpelstilzchen ist ein Aussteiger

Im DDR-Märchenfilm "Das Zaubermännchen" (1960, R: Christoph Engel), frei nach einer "Rumpelstilzchen"-Aufführung des Hans-Otto-Theaters in Potsdam, wird der Titelheld (Siegfried Seibt) dagegen zum "Aussteiger", der sich enttäuscht von den Menschen in den Wald zurückgezogen hat. Er baut eine Wiege, sodass das Kind bei ihm aufwachsen kann, "ohne die verderbliche Macht des Goldes kennen zu lernen" (O-Ton) – ein kritischer Verweis auf das Stroh-zu-Gold-spinnen und die Gier des Königs (Nikolaus Paryla).

Sieht sich das ostdeutsche "Zaubermännchen" damit einer sozialkritischen Interpretation verpflichtet, so fokussiert das westdeutsche "Rumpelstilzchen" bildlich und inhaltlich vorrangig auf die Natur – und die Vermittlung von erzieherischen Werten. Aber: Rumpelstilzchens Selbsttötung im BRD-Märchenfilm will dazu nicht recht passen – auch wenn der grausame Akt nur im Anlauf gezeigt und zum Abbruch der Szene führt. Das DDR-Zaubermännchen verabschiedet sich hingegen mittels Stopptrick aus der Filmhandlung.

Neue Märchenfilme: Clown und Aggressor

Für ein Anti-Natur-Rumpelstilzchen, das das Kind der Königin zu einem bösen Zauberer erziehen will, der morgens die Schmetterlinge und abends die Grillen töten soll, entscheidet sich eine Fritz-Genschow-Verfilmung von 1962. Diese eindeutig negative Charakterisierung hebt sich von den bisherigen Adaptionen – die den Titelhelden mit zumeist guten Eigenschaften ausstatten – merklich ab. Dass sich das Rumpelstilzchen auch hier selbst tötet bzw. im Boden verschwindet, scheint die logische Konsequenz seines asozialen Verhaltens.

Das böse kleine Männchen feiert sein Comeback in zwei gesamtdeutschen Märchenfilmen, die 2007 und 2009 im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender entstehen. Sowohl die ZDF- als auch die ARD-Adaption setzen auf ein zwar widersprüchliches, doch tendenziell eher negativ gezeichnetes Rumpelstilzchen – und nähern sich damit wieder der Grimmschen Fassung an, wobei sein Motiv gleichzeitig in den Hintergrund rückt. Auffällig ist die Charakterisierung des Titelhelden auf der Tonebene.

Derbe Dialoge, aber auch Humor in ARD und ZDF

So spart Rumpelstilzchen (Katharina Thalbach) in der ZDF-Verfilmung (R: Andi Niessner) im Dialog mit der Müllerstochter Marie (Marie Christine Friedrich) nicht mit bösen Beschimpfungen – und bedient sich zudem einer List, um Maries Versprechen zu bekommen. Auch der ARD-Märchenfilm setzt auf derbe Dialoge, wobei Rumpelstilzchen (Robert Stadlober) auch als "Clown und Aggressor" (Ungureit) dargestellt wird – eine Doppelstrategie, welche die Widersprüchlichkeit des Titelhelden sprachlich gut abbildet.

Und: Beide Adaptionen setzen mutig auf das grausame Ende des Rumpelstilzchens, wenn sich der Boden unter seinen Füßen öffnet und ihn verschluckt. – Die Vielfalt der Rumpelstilzchen-Adaptionen zeigt, dass eine einzige Figur ganz unterschiedlich interpretiert werden kann: Der Titelheld pendelt in seiner Darstellung zwischen Edelmännchen (1940), Waldgeist (1955), Aussteiger (1960), Hexenmeister (1962), Clown oder Aggressor (2007, 2009) – und bleibt dabei doch immer wieder eine fantastische märchenhafte Gestalt.

Filme:

  • "Rumpelstilzchen" (1940, R: Alf Zengerling, D). Auf DVD erschienen.
  • "Rumpelstilzchen" (1955, R: Herbert B. Fredersdorf, BRD). Auf VHS und DVD erschienen.
  • "Das Zaubermännchen" (1960, R: Christoph Engel, DDR). Auf VHS und DVD erschienen.
  • "Rumpelstilzchen" (1962, R: Fritz Genschow, BRD). Auf DVD erschienen.
  • "Von der Müllerstochter, die Gold spinnen wollte" (1984, R: Gerd Grasse, DDR). Noch nicht auf DVD erschienen.
  • "Rumpelstilzchen" (2007, R: Andi Niessner, BRD). Auf DVD erschienen.
  • "Rumpelstilzchen" (2009, R: Ulrich König, BRD). Auf DVD erschienen.

Literatur:

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Stuttgart, 2007
  • Lüthi, Max: Blindes Motiv, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 2, 1979, Berlin/New York, S. 467-471
  • Röhrich, Lutz: Name des Unholds, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 9, 1999, Berlin/New York, Sp. 1164-1175
  • Ungureit, David: Fünf Fragen, fünf Antworten, in: 6 auf einen Streich. Der Märchenfilm, ARD.de